„Was willst du?“

„Ich… ich wollte mich entschuldigen.“

Sie schwieg.

„Wofür genau? Für die Lügen? Für die Hetze? Für das, was ihr im Gericht abgezogen habt?“

„Für alles.“

Er atmete schwer aus.

„Wir haben es vermasselt. Wir alle.“

Lena sagte nichts.

Nach einigen Sekunden sprach Vincent weiter:

„Mama liegt im Krankenhaus. Blutdruck. Zusammenbruch. Sophia ist zu ihrem Freund abgehauen und war nicht einmal bei ihr.“

Lena schloss die Augen. Einen Augenblick lang spürte sie nichts außer Müdigkeit.

„Und weshalb rufst du mich an? Was erwartest du?“

„Nichts.“ Seine Stimme wurde leiser. „Ich wollte nur sagen… ich glaube, Elias hatte recht. Du bist stärker als wir alle.“

Dann legte er auf.

Lena blieb lange mit dem Telefon in der Hand am Tisch sitzen. Die Wohnung war still. So still, dass sie den Kühlschrank summen hörte.

Schließlich stand sie auf, nahm ihre Schlüssel und verließ das Haus.

Das Krankenhaus empfing sie mit grellem Licht, blanken Böden und dem scharfen Geruch von Desinfektionsmittel.

Andrea Böhm lag allein in einem Zimmer, angeschlossen an eine Infusion. Als sie Lena sah, versuchte sie, sich aufzurichten, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht richtig.

„Du…“ Ihre Stimme war heiser. „Warum bist du gekommen?“

Lena antwortete zunächst nicht. Sie stellte lediglich eine Tüte mit Obst auf den kleinen Nachttisch.

„Nur um zu sehen, ob Sie am Leben sind.“

Andrea wandte den Kopf zur Wand.

„Bist du zufrieden?“

„Nein.“

Lena blieb noch einen Moment stehen, dann ging sie zur Tür.

„Ich bin nicht wie Sie. Ich freue mich nicht über den Schmerz anderer Menschen.“

Sie verließ das Zimmer, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Draußen regnete es.

Doch in ihrer Brust fühlte es sich ein wenig leichter an.

Der Regen trommelte gegen die Fensterscheiben, als Lena später nach Hause zurückkehrte. Im Flur blieb sie stehen und streifte langsam den nassen Mantel ab. Wasser tropfte aus dem Stoff und hinterließ dunkle Spuren auf dem Parkett.

Sie ging in die Küche und stellte mechanisch den Wasserkocher an. Ihre Hände folgten den vertrauten Bewegungen, als könnten Rituale das Zittern in ihr beruhigen.

Dann fiel ihr Blick auf die alte Schatulle im Regal. Sie war aus dunklem Eichenholz, an den Ecken abgeschabt, mit feinen Kerben auf dem Deckel. Elias hatte darin immer wichtige Unterlagen aufbewahrt. Seit seinem Tod hatte Lena sie nicht ein einziges Mal geöffnet.

Der Wasserkocher klickte schließlich ab; Lena bemerkte es kaum.

Stattdessen ging sie zum Regal hinüber und legte die Fingerspitzen auf den geschnitzten Deckel der Schatulle. Das Holz fühlte sich kühl an, beinahe fremd, als hätte es all die Monate über ein Geheimnis bewahrt, das nur auf diesen Augenblick gewartet hatte.

„Vielleicht ist es Zeit, nicht länger vor dem zu fliehen, was war“, flüsterte sie kaum hörbar.

Im Inneren lagen geordnet alte Unterlagen, ein paar vergilbte Fotos und ganz unten ein schwerer Umschlag. Ihr Name stand darauf. Lenas Atem stockte. Als sie den Rand aufriss, zitterten ihre Finger so heftig, dass das Papier leise raschelte.

Mehrere Blätter glitten auf den Tisch. Die Zeilen waren in Elias’ unverkennbarer Handschrift geschrieben. Oben in der Ecke stand ein Datum: eine Woche vor seinem Tod.