„Lena, wenn du diese Zeilen liest, dann habe ich es nicht mehr geschafft, dir alles selbst zu sagen …“

Tränen fielen auf das Papier und verwischten einzelne Buchstaben. Lena presste die Hand gegen den Mund, doch das Schluchzen ließ sich kaum zurückhalten.

„Ich weiß, wie viel du in all den Jahren ertragen hast. Wie meine Mutter und Sophia dich geprüft, bedrängt und verletzt haben. Verzeih mir, dass ich nicht immer vor dir stand. Ich war töricht. Ich wollte glauben, sie würden dich nur nicht verstehen …“

Draußen krachte Donner. Lena zuckte zusammen, aber ihre Augen blieben an den Worten haften.

„Als mir die Ärzte sagten, wie wenig Zeit mir bleibt, habe ich endlich den Mut gefunden, das zu tun, was ich längst hätte tun müssen: dich zu schützen. Die Wohnung, die Konten — alles läuft auf deinen Namen. Niemand wird dir etwas wegnehmen können …“

Auf der letzten Seite waren die Zeilen unruhiger, die Tinte an manchen Stellen verschmiert, als hätte er in Eile geschrieben.

„Und noch etwas … Gib ihnen nicht die ganze Schuld. Meine Mutter hat ihr Leben lang versucht, alles zu kontrollieren, weil sie Angst hatte, allein zurückzubleiben. Sophia tat es aus Neid. Und Vincent … er hat nie gelernt, stark zu sein. Wenn du ihnen irgendwann vergeben kannst, tu es. Wenn nicht, werde ich dich trotzdem verstehen.“

Lena faltete den Brief langsam zusammen, vorsichtig, als halte sie etwas Zerbrechliches in den Händen. Dann trat sie hinaus auf den Balkon. Der Regen ließ bereits nach, nur einzelne Tropfen klopften noch gegen das Geländer.

In ihrer Tasche vibrierte das Telefon. Auf dem Display stand die Nummer des Krankenhauses.

„Ja?“

„Hier ist Station 412“, sagte eine Krankenschwester. „Ihre Schwiegermutter bittet darum, Sie zu sehen. Sie besteht sehr darauf.“

Lena schloss für einen Moment die Augen.

„Sagen Sie ihr, ich bin unterwegs.“

Andrea Böhm wirkte unter der weißen Krankenhausdecke kleiner, als Lena sie in Erinnerung hatte. Zerbrechlich fast. Als Lena das Zimmer betrat, drehte die alte Frau mühsam den Kopf.

„Du bist gekommen …“

„Sie haben nach mir verlangt.“

Andrea deutete mit einer schwachen Bewegung zum Nachttisch.

„Dort … nimm es.“

Lena öffnete die kleine Schachtel, die dort lag. Darin befand sich ein alter Ring mit einem tiefblauen Saphir, eingefasst in feines, dunkles Gold.

„Ich wollte ihn Sophia geben“, brachte Andrea hervor. Ihre Stimme brach. „Aber jetzt … Elias sagte einmal, der Stein erinnere ihn an deine Augen.“

Lena schloss die Finger um die Schachtel.

„Warum tun Sie das?“

Die Schwiegermutter wandte den Blick zum Fenster.

„Weil ich seinen Brief gelesen habe. Den, den er mir hinterlassen hat.“

Zwischen ihnen breitete sich Schweigen aus. Schwer war es noch immer, aber nicht mehr feindselig.

Lena atmete langsam aus.

„Ich bitte Sie nicht um Vergebung.“

„Das weiß ich“, flüsterte Andrea Böhm. „Und ich habe sie auch nicht verdient.“

Vor dem Fenster riss der Himmel auf. Die ersten hellen Sonnenstreifen fielen über den Krankenhausboden.

Lena öffnete die Hand und betrachtete den Ring noch einmal.