„Ach, so läuft das also?“ Andreas setzte alles auf eine Karte und warf sich in die Rolle des zutiefst Gekränkten. „Wenn ihr hier alle so kleinlich seid! Wenn euch ein paar Geldscheine mehr bedeuten als Familie und Anstand!“
Mit einer dramatischen Bewegung wandte er sich seiner Mutter zu. Elisabeth zuckte zurück. Von der Beute Abschied zu nehmen, hatte ganz offensichtlich nicht zu ihrem Konzept gehört.
„Mutter, ich bitte dich, gib mir diese Umschläge“, verkündete Andreas in einem Tonfall, der nach edler Selbstbeherrschung klingen sollte, aber eher an eine schlecht geprobte Theaterrolle erinnerte. „Ich wünsche diesen Menschen nur das Beste und finanzielles Wohlergehen. Sollen sie ihre Geschenke eben zurücknehmen, wenn ihnen eine heilige Frau wie du nicht einmal das wert ist.“
„Andreas, mein Junge, nun warte doch, man muss doch nicht gleich so überstürzt handeln“, stammelte Elisabeth und schützte die Tasche mit beiden Armen, als säße darin ein seltener Zuchthund. „Das Kapital ist bereits Bestandteil meiner privaten Altersvorsorge geworden. Eine Rückabwicklung wäre vollkommen unwirtschaftlich. Denk doch an die Inflation!“
„Mutter, bitte. Lass los“, presste Andreas hervor und krallte sich an die Henkel der gobelinartigen Handtasche.
Elisabeth hielt auf der anderen Seite ebenso entschlossen dagegen. Für einige absurde Sekunden zerrten Mutter und Sohn wie zwei Tauzieher an dem armen Accessoire, direkt über den traurigen Resten der Hochzeitstorte.
„Andreas, du machst sie kaputt!“, jammerte Elisabeth.
„Gib sie her, ich muss ihnen eine Lektion in Großzügigkeit erteilen!“, keuchte der Bräutigam.
Dann gab der verklemmte Reißverschluss mit einem hässlichen Knacken nach. Die Umschläge schossen heraus und segelten auseinander wie aufgescheuchte Tauben. Andreas raffte mehrere davon hastig zusammen und streckte sie den Gästen mit großer Geste entgegen.
„Bitte sehr! Nehmt sie!“ Seine Stimme hallte durch den Saal. „Wenn euch das Geld für meine eigene Mutter zu schade ist, dann erstickt eben an euren Almosen! Katharina, bist du jetzt zufrieden? Du hast mich vor allen bloßgestellt. Du hast unsere Feier ruiniert!“
Er stand da, schwer atmend, das Kinn erhoben, ganz der beleidigte Graf in seinem Schloss. Und er war felsenfest überzeugt, dass nun Folgendes passieren würde: Die Gäste würden beschämt auf den Boden starren, abwehrend mit den Händen wedeln und murmeln: „Aber Andreas, so war das doch nicht gemeint, behaltet es natürlich, wenn es für deine Mutter ist.“ Danach würde er ihnen großzügig vergeben und sämtliche Umschläge wieder einsammeln.
Nur hatte er meine Gäste ganz erheblich unterschätzt.
Onkel Jakob erhob sich gemächlich und trat an den Tisch. „Meiner ist der mit dem blauen Band“, sagte er ruhig und zog seinen prall gefüllten Umschlag aus dem Durcheinander. „Stimmt schon, Unverschämtheit muss man nicht auch noch finanzieren. Von dem Geld kaufe ich mir lieber ein neues Boot. Da sitzt man hier, glaubt, die Nichte habe einen Mann geheiratet, und am Ende stellt sich heraus, sie hat sich den Kassenwart seiner Mutter angelacht.“