Laura blinzelte. In ihren Ohren begann es zu rauschen, als hätte sich der Luftdruck mit einem Schlag verändert.

„Was soll das heißen, ich soll das Haus frei machen?“

„Genau das, was ich gesagt habe.“ Sabine Peters trat zu dem alten Sofa, das mit Baufolie abgedeckt war, und hob angewidert eine Ecke der Folie an. „Anna braucht mit den Kindern einen Schlafplatz. Den Schmidts geben wir die Veranda, dort sind ja schon die Kunststofffenster drin, das sehe ich. Und Lukas und ich nehmen dieses Zimmer.“

Sie sah Laura an, als erkläre sie einem Kind eine Selbstverständlichkeit. „Für dich ist hier nun einmal kein Platz, das verstehst du doch selbst. Wozu auch? Du arbeitest, du musst in der Stadt sein. Wir dagegen können uns hier ein, zwei Wochen richtig erholen.“

„Sabine Peters.“ Laura holte tief Luft und spürte, wie der Kalkstaub zwischen ihren Zähnen knirschte. „Hier gibt es keine Heizung. Nur dieser Raum wird von dem Konvektor halbwegs warm. Wasser kommt nach Zeitplan. Die Toilette steht draußen, eine mobile Kabine. Wohin wollen Sie Anna mit einem Säugling bringen? In eine Baustellenbaracke?“

„Ach, fang nicht wieder mit deinem Drama an!“ Die Schwiegermutter machte eine wegwerfende Handbewegung. „Lukas hat gesagt, du hättest einen Heizkessel gekauft. Einen teuren, deutschen. Dann schaltest du ihn eben ein.“

Laura wandte den Blick zu ihrem Mann. Lukas fand auf einmal den Inhalt der Mandarinentüte außerordentlich spannend.

„Lukas“, sagte Laura leise. „Das hast du ihr nicht erzählt?“

„Was denn nicht?“ brummte er, ohne aufzusehen.

„Dass der Heizkessel immer noch originalverpackt dasteht. Dass er erst angeschlossen werden muss. Dass die Monteure frühestens nach dem zehnten Januar kommen. Dass ich hier nur wohne wie ein Wachposten, damit niemand die Baustoffe klaut, und mich mit einem Heizlüfter wärme, der Strom verschlingt, als gäbe es ihn umsonst.“

„Na ja, Laura …“ Lukas Baumann hob endlich den Kopf. Sein Blick sprang unsicher hin und her, schuldbewusst und zugleich ausweichend. „Meine Mutter hat sich das so gewünscht. Anna Werner hat im Moment Ärger mit ihrem Mann, ihr würde ein Tapetenwechsel guttun. Meer, ein bisschen Romantik, du weißt schon. Und du könntest doch für ein paar Tage zu deiner Mutter fahren. Was wäre schon dabei?“

„Was dabei wäre?“ Laura Ludwig spürte, wie sich tief unter ihrem Brustbein etwas Dunkles, Schweres zusammenballte. Keine laute Wut, kein Ausbruch — eher eine kalte, klare Empörung.

Sie trat zu dem Tisch, auf dem Rechnungen, Quittungen und Kontoauszüge durcheinanderlagen, und zog wahllos ein Blatt aus dem Stapel.

„Dieses Haus“, sagte sie langsam, jedes Wort sauber abgesetzt, „haben wir vor drei Jahren gekauft. Als Bruchbude. Bezahlt wurde es mit meiner Prämie und mit dem Kredit, den ich aufgenommen habe. Du hast hier in diesen drei Jahren nicht einmal einen Nagel in die Wand geschlagen, Lukas. Du bist immer nur aufgetaucht, wenn das Grillfleisch schon fertig war, während ich den Bauschutt rausgetragen habe. Und jetzt erklärst du mir, ich soll Platz machen?“