Wenn das Rohr riss, stand der Keller in einer halben Stunde unter Wasser.

Laura hob den Finger über das Display, um Lukas anzurufen.

„Lukas, dreht den Wasserhahn auf. Sofort.“

Ihr Finger zitterte.

Vor ihrem inneren Auge erschien das Gesicht ihrer Schwiegermutter. Sabine Peters, kühl und unbeweglich: „Mach das Haus frei. Du gehörst nicht zur Familie.“

Und Lukas, der feige auf den Beutel mit den Mandarinen gestarrt hatte.

Langsam senkte Laura die Hand wieder. Das Display wurde schwarz.

Sie steckte das Handy zurück in die Tasche und ging weiter in Richtung Haltestelle. Der Wind nahm zu und riss die letzten trockenen Blätter von den Bäumen.

Doch damit war es nicht getan.

Erst später, als sie in dem kalten, ruckelnden Bus saß, fiel ihr die Mappe ein. Diese blaue Mappe mit den Unterlagen des Hauses, die sie in der Tasche ihrer Schwiegermutter gesehen hatte. Warum hatte Sabine Peters sie bei sich? Die Papiere lagen sonst immer im Safe der Stadtwohnung. Und den Schlüssel zu diesem Safe hatte ausschließlich Lukas.

Wozu brauchte seine Mutter die Hausdokumente für ein paar „erholsame Tage“?

Laura nahm ihr Telefon wieder heraus. Zuerst öffnete sie die Banking-App, doch dort war sie falsch. Dann wechselte sie ins Kundenportal und beantragte einen sofortigen Grundbuchauszug.

Der Bus kroch durch den Schneesturm. Die Scheiben waren von innen beschlagen. Ihr gegenüber saß eine ältere Frau mit einem Eimer Sauerkraut auf dem Schoß; der beißende Geruch breitete sich im ganzen Wagen aus.

Dann piepte das Telefon.

Der Auszug war da.

Laura öffnete die Datei. Mit tauben Fingern scrollte sie nach unten, bis zum Abschnitt „Eigentümer“.

Im selben Moment lief ihr ein eisiger Schweiß den Rücken hinab.

Dort stand nicht Lukas’ Name.

Dort stand etwas anderes:

Datum der Rechtsübertragung: gestern. Rechtsgrund: Schenkungsvertrag.

Das Handy glitt ihr aus der Hand. Es fiel mit dem Display nach unten auf den schmutzigen Gummiboden des Busses.

Sie waren nicht einfach nur gekommen, um Weihnachten zu feiern.

Lukas hatte das Haus gestern seiner Schwester überschrieben. Heimlich.

Und diese Renovierung, in die Laura vor einem Monat noch ihre letzten achthundert Euro gesteckt hatte, war nie mehr für sie gewesen. Sie hatte für Anna gearbeitet.

Der Bus bremste plötzlich scharf. Die Frau mit dem Sauerkraut geriet ins Wanken.

„Endstation!“, knurrte der Fahrer.

Laura hob ihr Telefon auf. Das Display war gesprungen; ein feines Netz aus Rissen zog sich wie Spinnweben über den Text des Dokuments.

Draußen empfing sie die Stadt mit Matsch, Lärm und kaltem Licht.

Sie hatte kein Haus mehr. Kein Geld. Und auch keinen Mann mehr, denn so etwas ließ sich nicht verzeihen.

Doch in der Innentasche ihres Mantels lag etwas Kleines, Hartes. Ein unscheinbarer USB-Stick. Laura Ludwig schob die Finger hinein und umklammerte ihn.

Es war nicht irgendein Stick.

Vor einer Woche, als sie das Sicherheitssystem eingerichtet hatte — allein, um die Kosten für den Techniker zu sparen —, hatte sie nicht nur im Haus Kameras und Sensoren montiert. Auch in Lukas Baumanns Auto hatte sie eine winzige Kamera samt Mikrofon versteckt. Eigentlich nur zum Testen. Danach hatte sie schlicht vergessen, das Ding wieder auszubauen.