
„Das ist nicht einfach ein Weihnachtsgeschenk. Du bekommst ihn, weil ich gesehen habe, wie hart du dafür gearbeitet hast,“ hatte Moritz gesagt, während ich fassungslos zusah, wie Sophie meinen Mantel trug
So geschmacklos und verletzend fühlte sich das an
Als ich meinen Mantel auf Sophies Schultern sah, glaubte ich im ersten Moment, jemand erlaube sich einen geschmacklosen Scherz.
Sie stand mitten im Wohnzimmer, ein Glas Sekt in der Hand, lächelte etwas verlegen, während meine Schwiegermutter um sie herumwirbelte und den Kragen zurechtzupfte, als wäre sie Verkäuferin in einer eleganten Boutique.
„Dreh dich doch mal kurz“, sagte Sandra begeistert. „Damit alle ihn richtig sehen können. Steht er ihr nicht wunderbar?“
Von den zwölf Gästen wandten sich mindestens acht sofort zu mir um.
Jeder im Raum wusste, dass dieser Mantel mir gehörte.

Nicht, weil ich ständig damit angegeben hätte. Ganz im Gegenteil. In den vergangenen drei Jahren hatte ich ihn vielleicht viermal getragen. Aber zwei Weihnachten zuvor hatte genau dieselbe Runde bei uns gesessen, als mein Mann Moritz mir die Schachtel überreicht hatte.
Es war kein protziges Luxusgeschenk gewesen.
Auch kein Designerstück für Unsummen.
Es war ein wunderschöner, handgefertigter beiger Wollmantel mit Pelzkragen, bestellt in einer kleinen Berliner Werkstatt. Er hatte ungefähr 450 Euro gekostet, und damals war das für uns sehr viel Geld.
Bekommen hatte ich ihn, weil ich in jenem Jahr endlich zur Leiterin der Finanzgruppe befördert worden war, in der Firma, für die ich seit acht Jahren arbeitete.
Moritz hatte damals gesagt:
„Das ist nicht einfach ein Weihnachtsgeschenk. Du bekommst ihn, weil ich gesehen habe, wie hart du dafür gearbeitet hast.“
Darum dachte ich, als ich ihn nun an Sophie sah, nicht zuerst an den Preis.
Sondern daran, wer ihn angefasst hatte.
Und mit welchem Recht.
„Na?“, fragte Sandra und sah mich an. „Was sagst du dazu?“
Im Wohnzimmer wurde es auf einmal so still, dass man sogar den Geschirrspüler in der Küche hören konnte.
Ich antwortete nicht.
Langsam stellte ich meine Kaffeetasse ab.
Dann ging ich zu Sandra hinüber.
Sie lächelte noch immer.
Vielleicht erwartete sie, dass ich erstarren würde. Oder dass ich eine Szene machte. Dass ich losschrie, damit sie später allen erzählen konnte, wie geldgierig und hysterisch ich sei.
Stattdessen streckte ich nur die Hand aus.
„Gib mir die Schlüssel.“
Ihr Lächeln verschwand.
„Welche Schlüssel?“
„Die zu unserer Wohnung.“
Moritz erhob sich bereits vom Sofa.
„Greta …“
Ich sah ihn an.
„Jetzt nicht.“
Sandra stieß ein kurzes Lachen aus.
„Ach bitte. Deswegen bist du jetzt beleidigt?“
„Ich bin nicht beleidigt.“
„Was dann?“
„Ich möchte die Schlüssel.“
Währenddessen zog Sophie den Mantel langsam von den Schultern.
„Ich dachte wirklich, Mama hätte ihn für mich gekauft“, sagte sie leise.
Sandra fuhr sofort zu ihr herum.
„Ich habe ihn dir doch auch gegeben!“
„Sandra“, sagte ich ruhig. „Die Schlüssel.“
Da verhärtete sich das Gesicht meiner Schwiegermutter.
„Das ist auch die Wohnung meines Sohnes.“
„Ja.“
„Also habe ich ein Recht auf einen Schlüssel.“
„Nein.“
„Moritz hat ihn mir gegeben.“
„Vor acht Jahren.“
„Na also!“
„Damals, damit du die Pflanzen gießen kannst, wenn wir im Urlaub sind.“
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