Sandras Augen wurden schmal.
„Und?“
„Seitdem haben wir dich kein einziges Mal darum gebeten.“
Endlich mischte sich Moritz ein.
„Mama, gib ihn ihr.“
Alle sahen nun ihn an.
Auch Sandra.
„Du stellst dich jetzt ernsthaft auf ihre Seite?“
Moritz sagte nur:
„Gib den Schlüssel her.“
Meine Schwiegermutter blickte ihn an, als sähe sie ihn zum ersten Mal in ihrem Leben.
Dann griff sie langsam nach ihrer Handtasche.
Während sie darin suchte, warf sie jedoch hin:
„Ich wüsste ja gern, seit wann ich diese Frau um Erlaubnis bitten muss — eine Frau, die sich von meinem eigenen Sohn aushalten lässt.“
Genau in diesem Augenblick veränderte sich alles.
Nicht wegen des Mantels.
Auch nicht wegen des Schlüssels.
Sondern weil ich ganz genau wusste, dass Sandra diesen Satz nicht aus einer spontanen Wut heraus gesagt hatte.
Sie hatte ihn schon oft ausgesprochen.
Nur mir gegenüber hatte sie es bisher nie gewagt.
Moritz wurde rot im Gesicht.
„Mama …“
„Was denn?“, fauchte sie. „Lüge ich etwa?“
„Ja“, sagte ich.
Sandra starrte mich an.
„Wie bitte?“
„Du lügst.“
Jetzt hörten nicht mehr nur die Gäste zu.
Auch Sophie.
Und ihr Mann Paul.
Sogar Sandras Schwester, Tante Sabine, die bis dahin auffällig beschäftigt getan hatte, als interessiere sie sich ausschließlich für das Gebäck.
Sandra zog den Schlüsselbund aus der Tasche.
„Bitte schön. Wenn dir Familie so wenig bedeutet.“
Ich nahm ihn.
Mehr sagte ich nicht.
Doch in genau diesem Moment wusste ich, dass ich am nächsten Morgen das Schloss austauschen lassen würde.
Damals ahnte ich allerdings noch nicht, dass der Mantel nur das Kleinste von all den Dingen war, die Sandra in den vergangenen Monaten aus unserer Wohnung mitgenommen hatte.
Mit Moritz stand mir noch ein Gespräch bevor.
Zu diesem Zeitpunkt waren Moritz und ich seit elf Jahren ein Paar, davon sieben Jahre verheiratet.
Wir lebten in Berlin, in einer Wohnung mit vierundsiebzig Quadratmetern, die wir noch vor der Hochzeit gemeinsam gekauft hatten.
Wir hatten beide Geld hineingesteckt.
Bei mir war es etwas mehr gewesen, weil ich von meiner Großmutter ein kleines Einzimmerapartment in Münster geerbt hatte. Ich hatte es verkauft, und aus diesem Geld stammte der größere Teil des Eigenkapitals.
Moritz hatte daraus nie ein Thema gemacht.
Sandra schon.
Aus irgendeinem Grund behandelte sie unsere Wohnung vom allerersten Tag an so, als gehöre sie eigentlich der Familie ihres Sohnes und als wäre ich lediglich irgendwann mit eingezogen.
Am Anfang ging es nur um Kleinigkeiten.
Sie stellte die Pflanzen um.
Tauschte Geschirrtücher aus.
Einmal nahm sie unseren Mixer mit und gab ihn Sophie, weil wir ihn ihrer Meinung nach „ja sowieso nicht täglich benutzten“.
Ein anderes Mal lieh sie Decken aus unserem Gästezimmer an irgendeinen Verwandten weiter.
Und jedes Mal kam derselbe Satz:
„Ach komm schon, wir sind doch Familie.“
Moritz lachte dann meistens darüber.
Und ich wollte wegen solcher Dinge keinen Streit anfangen.
Das war mein Fehler.
Nach der Weihnachtsfeier gab Sophie mir den Mantel zurück.
„Es tut mir wirklich leid“, sagte sie. „Mama hat gestern behauptet, sie hätte mir eine Überraschung gekauft.“