„Ich habe es bei einem Antiquitätenhändler gefunden“, sagte sie leise.
Ich nahm es nicht sofort.
„Warum hast du es gekauft?“
Sandra sah auf das Etui in ihren Händen.
„Weil das alte im Pfandhaus beschädigt wurde.“
Das wusste ich.
Eine Ecke war aufgeplatzt.
Sie senkte den Blick.
„Ich bringe dir das nicht, damit du mir verzeihst.“
Ich schwieg.
„Sondern weil ich endlich etwas begriffen habe.“
„Was denn?“
Da sah sie mich an.
„Ich habe mein ganzes Leben lang geglaubt, Familie bedeutet, dass man auf alles Anspruch hat. Auf das Geld der anderen. Auf ihre Zeit. Auf ihre Wohnung. Auf ihre Sachen.“
Ich antwortete nicht.
Sandra atmete schwer aus.
„Dabei ist es genau andersherum. Familie müsste der Ort sein, an dem man noch vorsichtiger mit dem umgeht, was einem nicht gehört.“
Es war der erste Satz seit Monaten, bei dem ich nicht das Bedürfnis hatte, sie zu korrigieren.
Ich nahm ihr das Etui ab.
„Danke.“
Wir fielen uns nicht in die Arme.
Es war nicht plötzlich alles gut.
Aber später, als wir wieder zu Hause waren, zog Moritz im Flur seinen Mantel aus und fragte:
„Glaubst du, du kannst ihr irgendwann wieder vertrauen?“
Ich legte meine Schlüssel in die kleine Schale auf der Kommode.
„Vielleicht.“
„Wann?“
Ich sah ihn an.
„Wenn man dafür keinen Schlüssel mehr braucht.“
Moritz verstand es im ersten Moment nicht.
Dann lächelte er.
Und ich holte an diesem Abend zum ersten Mal seit langer Zeit die Uhr meines Großvaters wieder hervor.
Ich legte sie in das neue Etui.
Danach schob ich sie zurück in dieselbe Schublade wie früher.
Nur dass jetzt auch an unserer Schlafzimmertür ein Schloss war.