Sandra erstarrte.
„Was?“
„Ich habe dir gesagt, dass wir das Geld nicht brauchen. Also habe ich es zurückgeschickt.“
Andreas sah sie sofort an.
„Und wo ist es dann geblieben?“
Aus Sandras Gesicht wich jede Farbe.
Erst da kam heraus, worum es wirklich ging.
Das Geld war längst weg.
Sandra hatte sich ein halbes Jahr zuvor an einem angeblich todsicheren Geschäft einer Bekannten beteiligt. Irgendein Online-Shop für handgemachte Kosmetik, hübsch verpackt, mit großen Versprechen und noch größeren Gewinnprognosen.
Zuerst hatte sie fünfhundert Euro hineingesteckt.
Dann noch einmal achthundert.
Als die ersten Verluste auftauchten, redete man ihr ein, es handle sich nur um einen kurzfristigen Engpass. Man brauche lediglich etwas Überbrückung, dann würde alles laufen.
Also gab sie wieder Geld.
Und noch einmal.
Bis sie begriff, dass das Ganze praktisch zusammengebrochen war, hatte sie beinahe zweitausendsechshundert Euro verloren.
Vor Andreas hatte sie alles verheimlicht.
Deshalb hatte sie begonnen, Dinge mitzunehmen.
Nicht für Sophie.
Nicht aus Großzügigkeit.
Nicht, weil sie „helfen“ wollte.
Sondern weil sie in Panik geraten war.
Mit den Kleinigkeiten, die sie bei Verwandten verschwinden ließ, wollte sie das Loch stopfen, das sie selbst gerissen hatte.
Meine Uhr war der erste Gegenstand, der wirklich etwas wert war.
Der Pelzmantel sollte der nächste sein.
Sophie hatte sie ihn nur deshalb „geschenkt“, weil sie vorhatte, sie später dazu zu überreden, ihn zu verkaufen.
Das sagte Sandra schließlich selbst.
Ich schrie nicht.
Vielleicht war gerade das das Seltsamste daran.
Mir fehlte einfach die Kraft.
Am nächsten Tag fuhren Moritz und ich zum Pfandhaus.
Die Uhr war noch da. Sie war noch nicht weiterverkauft worden.
Wir bezahlten die Auslösung und sämtliche Gebühren.
Sandra erstattete uns den Betrag innerhalb von drei Monaten zurück.
Nicht als Gefallen.
Nicht unter dem Deckmantel einer „familiären Lösung“.
Für jeden Euro wurde etwas Schriftliches aufgesetzt.
Moritz bestand darauf.
Den Pelzmantel habe ich seitdem nicht ein einziges Mal getragen.
Nicht, weil Sandra ihn in der Hand gehabt hatte.
Sondern weil ich beim Anblick dieses Mantels nicht mehr an Weihnachten denken kann.
Ich denke an den Augenblick, in dem ich zum ersten Mal verstand, wie weit ein Mensch gehen kann, wenn man ihn jahrelang mit dem Satz entschuldigt: „So ist sie eben.“
Ein halbes Jahr lang sah ich Sandra kaum.
Moritz besuchte sie und Andreas hin und wieder.
Ich hielt ihn nicht davon ab.
Ich wollte nie, dass er sich zwischen seiner Mutter und mir entscheiden musste.
Aber eines machte ich unmissverständlich klar: In unsere Wohnung kam Sandra vorerst nur noch, wenn wir ebenfalls zu Hause waren.
Einen Schlüssel bekam sie nie wieder.
Das nächste Weihnachtsfest verbrachten wir bei Sophie und Paul.
Sandra kam später als die anderen.
Sie trug nichts bei sich außer einer kleinen Papiertüte.
Sie setzte sich neben mich.
Fast zehn Minuten sagten wir kein Wort.
Dann griff sie in die Tüte und zog ein braunes Lederetui heraus.
Es sah dem alten Uhrenetui meines Großvaters beinahe zum Verwechseln ähnlich.