Jemand hatte sie für sie herausgelegt.
Als wäre längst beschlossen worden, welche Rolle sie an diesem Abend zu spielen hatte.
Da lächelte Sophie plötzlich.
Nicht aus Freude.
In ihr riss einfach in diesem Augenblick der letzte dünne Faden, an dem ihre Geduld noch gehangen hatte.
Sie zog sich nicht um.
Stattdessen nahm sie die Mappe vom Schreibtisch und kehrte ins Wohnzimmer zurück.
Am großen Tisch saßen zwei Freundinnen ihrer Schwiegermutter: Sabine und Sandra. Vor ihnen standen Platten mit Vorspeisen, Schüsseln mit Salat, Fleisch, Obst und Dessertteller.
„Da ist ja unsere Karrierefrau!“, verkündete Renate mit übertriebener Fröhlichkeit.
Die beiden Frauen lachten.
„Renate hat erzählt, du bist jetzt eine ganz große Chefin?“, fragte Sandra neugierig.
Sophie setzte sich gelassen neben Michael.
„Seit heute, ja.“
Michael wandte abrupt den Kopf zu ihr.
„Du bist befördert worden?“
„Ja.“
„Warum hast du mir das nicht gesagt?“
Sophie sah ihn an.
„Weil du nicht gefragt hast.“
Für einen Augenblick wurde es am Tisch unangenehm still.
Renate zerschlug diese Stille sofort.
„Chefin hin oder her, nachher spült sie trotzdem die Teller ab. Eine Stellung im Büro ist ja schön und gut, aber zu Hause sollte eine Frau wissen, wo ihr Platz ist.“
Sabine kicherte zustimmend.
„Ganz genau, Renate. Die jungen Frauen von heute lassen sich viel zu viel heraus.“
Sophie erwiderte nichts.
Sie öffnete nur die Mappe.
Das Dokument hatte sie am Morgen erhalten.
Und genau deshalb war dieser Termin so wichtig gewesen.
Angefangen hatte alles zwei Wochen zuvor.
Ein Notar hatte sie angerufen.
„Spreche ich mit Sophie?“
„Ja.“
„Es geht um eine Nachlassangelegenheit. Sie müssten bitte in meiner Kanzlei erscheinen.“
Zuerst glaubte Sophie an ein Missverständnis.
„Um welchen Nachlass soll es denn gehen?“
„Um den von Anton Vorontsov.“
Beinahe wäre ihr das Telefon aus der Hand gefallen.
Anton war ihr verstorbener Schwiegervater.
Wie sich herausstellte, hatte Anton kurz vor seinem Tod eine Verfügung aufgesetzt, von der in der Familie niemand etwas gewusst hatte. Wegen alter Unterlagen hatte sich die Klärung hingezogen, und erst jetzt war die Sache endgültig abgeschlossen worden.
Doch das Entscheidende kam erst danach.
Die Wohnung, die Renate seit Jahren mit solcher Selbstverständlichkeit als ausschließlich ihr Eigentum bezeichnete, war damals von den Eheleuten gemeinsam gekauft worden.
Und einen Teil seines Anteils hatte Anton noch zu Lebzeiten auf seinen Sohn übertragen.
Michael hatte davon gewusst.
Sophie hatte es nur zufällig erfahren.
Am Morgen war dann noch etwas anderes ans Licht gekommen.
Vor drei Jahren hatte Michael seinen Anteil auf Sophie überschreiben lassen.
Nicht aus Liebe.
Auch nicht, weil er seine Familie absichern wollte.
Er hatte es getan, weil er sich damals auf ein riskantes Geschäft eingelassen hatte und Angst vor Schulden und Gläubigern bekam.
Die Papiere waren zusammen mit anderen Unterlagen unterschrieben worden, und Sophie hatte damals nicht einmal begriffen, welche Bedeutung sie hatten.
Nun gehörte ihr rechtlich ein erheblicher Teil dieser Wohnung.