Andrea stieß einen schweren Seufzer aus.
„Amelie, Liebes“, begann sie in beschwichtigendem Ton, „so kann man doch keine Ehe beenden. Lukas ist eben an Hausmannskost gewöhnt, er meint das doch nicht böse…“
„Andrea“, sagte Amelie und wandte sich der Schwiegermutter zu, „ab morgen dürfen Sie ihn jeden Tag mit Hausmannskost versorgen. Lukas zieht zu Ihnen. Oder er nimmt sich eine eigene Wohnung, das ist mir gleich. Aber hier lasse ich ihn nicht mehr herein.“
„Das kannst du nicht machen!“, fuhr Lukas auf.
Amelie öffnete die Wohnungstür und trat hinein. Auf der Schwelle drehte sie sich noch einmal um.
„Nehmt seine Sachen mit. Was hier liegen bleibt, kommt in den Müll.“
„Amelie!“, rief Lukas und machte einen Schritt auf sie zu.
Doch Amelie zog die Tür zu, ließ sie ins Schloss fallen und drehte den Schlüssel zweimal herum.
Draußen begann sofort ein Durcheinander aus Stimmen: Lukas schrie, jemand klingelte, Andrea flehte durch die Tür, sie solle doch bitte aufmachen. Amelie blieb nicht stehen. Sie ging in die Küche und schaltete den Wasserkocher ein. Dann setzte sie sich an den Tisch, genau an den Tisch, an dem gestern das endgültige Gespräch stattgefunden hatte.
Die Flecken der Suppe hatte sie längst weggeschrubbt. Trotzdem waren im Stoff der Tischdecke, wenn man genau hinsah, noch blasse Spuren zu erkennen. Amelie strich mit der Fingerkuppe darüber, als prüfe sie, ob wirklich alles vorbei war.
Der Wasserkocher klickte. Sie übergoss Minze und Kamille mit heißem Wasser und rührte einen Löffel Honig hinein. Mit der Tasse in beiden Händen setzte sie sich ans Fenster, zog die Decke enger um die Schultern und schaute hinaus. Die Dämmerung legte sich dichter über den Hof, in den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser flammte ein Licht nach dem anderen auf. Irgendwo dort kochten Menschen Abendessen, löffelten Suppe, stritten, versöhnten sich wieder. Sie lebten ihr Leben.
Und Amelie merkte zum ersten Mal seit vier Jahren, dass sie tief einatmen konnte, ohne dass etwas in ihrer Brust dagegenhielt.
Ihr Handy vibrierte. Eine Nachricht von Sophia, ihrer Freundin: „Wie geht’s dir? Wir haben uns ewig nicht gesehen.“
Amelie lächelte. Ihre Finger glitten über das Display. „Gut“, tippte sie. „Stell dir vor, mein Abend ist gerade frei geworden. Hast du Lust, dich zu treffen? Ich habe Neuigkeiten.“
Hinter der Tür war es inzwischen still geworden. Wahrscheinlich war Lukas mit seiner Mutter gegangen, und die Taschen waren mitgenommen worden. Die Wohnung war leise, doch diese Stille fühlte sich anders an als sonst. Nicht bedrückend. Nicht hohl.
Einfach still.
Vertraut. Friedlich.
Amelie trank ihren Tee aus und ging danach zum Kühlschrank. Morgen nach der Arbeit musste sie noch einkaufen. Irgendetwas würde sie sich holen. Nur für sich. Etwas, worauf sie Lust hatte. Vielleicht Lachs. Vielleicht Garnelen. Vielleicht auch einfach gedünstetes Gemüse mit Käse.
Alles Mögliche.
Nur keine Erbsensuppe.
Keine einzige Erbsensuppe mehr.
Nie wieder Erbsensuppe.