
„Wenn dir mein Essen nicht passt, dann zieh doch wieder zu deiner Mutter! Bei ihr ist ja angeblich alles ein Meisterwerk!“ rief sie und hob den Topf drohend über den Tisch
Unfaire Erwartungen machen Vertrautheit plötzlich unerträglich.
— Wenn dir mein Essen nicht passt, dann zieh doch wieder zu deiner Mutter! Bei ihr ist ja angeblich alles ein Meisterwerk! — Seine Frau hob den Topf über den Tisch, und Stefan begriff in diesem Augenblick, dass es gleich ernst werden würde.
Der Samstag begann wie so oft. Sophie wachte um halb acht auf, obwohl kein Wecker gestellt war. Ihr Körper hielt sich offenbar auch am Wochenende an den Rhythmus der Arbeitstage. Neben ihr schnarchte Stefan und lag quer im Bett, als gehörten ihm mindestens drei Viertel davon. Vorsichtig schob Sophie die Decke zurück, streifte ihren Morgenmantel über und ging in die Küche.
Draußen hing ein feiner Märzregen vor den Fenstern. Sophie schaltete den Wasserkocher ein und holte aus dem Kühlschrank eine Schüssel mit eingeweichten gelben Erbsen. Am Abend zuvor hatte sie sie extra ins Wasser gelegt, weil Stefan wieder mehrmals angedeutet hatte, am Wochenende wäre Erbsensuppe doch genau das Richtige. Diese besondere Suppe. So eine wie bei seiner Mutter.
Während sie die Erbsen in den Topf gab, entwich ihr ein leiser Seufzer. Seit vier Jahren waren sie verheiratet, und noch immer bekam sie diese verfluchte Suppe nicht so hin, wie sie angeblich sein musste. Mal zerfielen die Erbsen nicht genug, mal blieb die geräucherte Rippe zu fest, mal war das Rindfleisch „falsch“ geschnitten — zu grob, obwohl sie die Stücke genauso klein machte wie ihre Schwiegermutter.
— Warum bist du denn schon wach? — Stefan erschien im Türrahmen und streckte sich. Sein T-Shirt rutschte hoch, und sein Bauch kam zum Vorschein, der im letzten Jahr deutlich runder geworden war.

— Ich koche Suppe, — antwortete Sophie knapp und rührte im Topf.
— Ach so. — Stefans Gesicht hellte sich sofort auf. — Erbsensuppe?
— Ja.
Er trat von hinten an sie heran, legte die Arme um ihre Taille und drückte seine Nase an ihren Hals.
— Du bist die Beste, — murmelte er. — Vielleicht wird sie heute ja wie die von Mama.
Sophie spürte, wie sich ihre Schultern verhärteten. „Wie die von Mama.“ Immer wieder dieses „wie bei Mama“. Wortlos rührte sie weiter. Stefan bemerkte die Veränderung ihrer Stimmung nicht und ging zum Kühlschrank, um Milch zu holen.
— Achte nur darauf, dass die Erbsen richtig verkochen, — sagte er beiläufig über die Schulter. — Beim letzten Mal waren sie irgendwie noch zu fest.
Sophies Finger schlossen sich fester um den Schöpflöffel. Sie schwieg.
— Und tu mehr Geräuchertes rein, — fuhr Stefan fort, während er Milch in seinen Becher goss. — Bei Mama ist immer ordentlich Fleisch drin, verstehst du? Sie spart da nicht.
— Ich spare auch nicht, — sagte Sophie leise.
— Ja, ja, schon klar. — Stefan nickte, ohne den Unterton in ihrer Stimme wahrzunehmen. — Aber bei ihr ist es eben irgendwie anders. Kräftiger. Gehaltvoller. Keine Ahnung.
Mit dem Becher in der Hand verschwand er wieder im Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein. Sophie blieb allein in der Küche zurück und starrte auf das blubbernde Wasser. Nach und nach zerfielen die Erbsen, die klare Flüssigkeit wurde trüb und sämig. Dann legte sie die geräucherten Rippchen hinein, die sie am Vortag auf dem Markt gekauft hatte — sie hatte extra die fleischigsten Stücke ausgesucht. Danach kamen Rindfleisch, Karotten und Zwiebeln dazu. Sie salzte, pfefferte und ging jeden Schritt so sorgfältig durch wie beim letzten Mal. Und wie beim Mal davor. Eigentlich machte sie es immer gleich — und trotzdem war es am Ende nie „richtig“.
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