Sie entschied sich fürs Schreien.
— Du… du hast das alles von Anfang an geplant! Hinterhältig bist du! Wir kommen mit guten Absichten, mit offenem Herzen, und sie redet von Treuhand, juristisch, Konto! Bist du überhaupt ein Mensch oder ein Taschenrechner?
— Taschenrechner, — sagte Johanna. — Dafür verrechne ich mich nicht.
— Markus, hörst du das? Hörst du, was sie da sagt? Da siehst du, was für eine Frau du geheiratet hast!
Markus stand neben dem Kühlschrank und schwieg. Doch dieses Schweigen war nicht leer. Es war angeschwollen, gespannt, kurz davor zu platzen. Johanna sah es. Sie konnte Menschen gut lesen — nicht, weil sie sich für besonders scharfsinnig hielt, sondern weil sie schon vor langer Zeit aufgehört hatte, von ihnen Überraschungen zu erwarten.
— Johanna, — sagte er schließlich. Seine Stimme klang verletzt, fast kindlich. — Begreifst du überhaupt, was du getan hast? Ich habe dir vertraut. Wir sind seit drei Jahren verheiratet. Drei Jahre! Und du hast mir dieses Konto verschwiegen, du hast mir das Geld verschwiegen, und jetzt ziehst du so etwas ab…
— Moment, — unterbrach sie ihn. — Ausgerechnet du sprichst von Vertrauen?
— Ja!
— Du bist an mein Handy gegangen.
— Es lag auf dem Tisch!
— Und du hast deine Mutter angerufen.
— Na und? Wir stehen uns eben nah. Bei uns gibt es keine Geheimnisse.
— Bei euch gibt es keine Geheimnisse, — wiederholte Johanna ruhig. — Genau. Und genau deshalb habe ich dir nichts davon erzählt.
Markus öffnete den Mund, als wolle er sofort widersprechen. Dann schloss er ihn wieder. Der Satz hatte gesessen. Nicht, weil er besonders laut gewesen wäre, sondern weil er stimmte — und gegen Wahrheit fand man nicht so schnell ein Gegenargument.
Georg Schubert räusperte sich leise. Ohne noch etwas zu sagen, wandte er sich zur Wohnungstür. Johanna erhob sich, ging an ihrer Schwiegermutter vorbei und öffnete ihm.
— Einen schönen Tag noch, — sagte sie.
— Ebenso, — erwiderte er knapp und trat hinaus, mit einer Erleichterung im Gesicht, als habe er gerade eine viel zu lange, peinliche Besprechung verlassen dürfen.
Sandra Beck sah ihm hinterher. Dann drehte sie sich wieder zu Johanna um. Von der freundlichen Miene, mit der sie am Morgen erschienen war, blieb nichts übrig. Keine Wärme, kein höfliches Lächeln, keine gespielte Herzlichkeit. Nur Zorn. Nackt, hässlich und vollkommen echt.
— Das wirst du noch bereuen, — sagte sie.
— Kann sein, — antwortete Johanna ruhig. — Aber nicht heute.
Sandra Beck riss ihre Handtasche vom Tisch. Es war eine große, prall gefüllte Tasche, deren Reißverschluss nur mit Mühe zusammenhielt. Mit energischen Schritten ging sie zur Tür. Auf der Schwelle blieb sie stehen und sah ihren Sohn an.
— Markus, kommst du?
In diesem Augenblick spürte Johanna etwas Merkwürdiges. Kein Triumphgefühl. Auch keine Wut. Eher eine nüchterne Neugier. Wie eine Prüferin, die in einer Bilanz eine Abweichung entdeckt hat und nun abwartet, welche Erklärung man ihr dafür liefern wird.
Markus blickte zu seiner Mutter. Dann zu Johanna. Dann wieder zurück zu Sandra Beck.