Die ersten dreißig Minuten verliefen erstaunlich friedlich. Wir aßen, wechselten belanglose Sätze über das Wetter, Einkäufe und Nachbarn und ließen alles aus, was gefährlich hätte werden können. Niemand sprach die alten Streitigkeiten an. Niemand erwähnte Geld.
Dann legte Henry Fuchs plötzlich Messer und Gabel ab und sah mich direkt an.
„Jonathan hat mir gesagt, dass ihr euch nach einer Wohnung umseht.“
Mein Mann senkte sofort den Blick auf seinen Teller.
„Wir informieren uns nur“, sagte ich vorsichtig. „Mehr nicht.“
Henry schnaubte leise.
„Eine Wohnung bekommt man nicht geschenkt. So etwas kostet.“
„Wir haben etwas zurückgelegt.“
Er lehnte sich bequem im Stuhl zurück. Auf seinem Gesicht erschien dieses herablassende Lächeln, das ich inzwischen viel zu gut kannte.
„Jonathan hat etwas zurückgelegt“, korrigierte er mich.
In diesem Augenblick begriff ich, wohin er das Gespräch lenken wollte. Dabei stammte der größte Teil des Geldes auf unserem gemeinsamen Konto von mir.
Jahre lang hatte ich Überstunden angenommen, auf Urlaube verzichtet und jede größere Ausgabe zweimal überdacht. Sogar ein kleines Grundstück, das mir meine Großmutter hinterlassen hatte, hatte ich verkauft, um unsere gemeinsame Zukunft zu sichern.
„Das Geld gehört uns beiden“, sagte ich fest.
Henry hob die Augenbrauen.
„Mein Sohn hat es verdient.“
„Nein“, entgegnete ich. „So war es nicht.“
Jonathan räusperte sich, sagte aber nichts. Er wich meinem Blick aus, und genau in diesem Moment verstand ich, dass seine Familie längst über unser Geld gesprochen hatte – nur eben ohne mich.
Ich wandte mich an ihn.
„Was hast du ihnen erzählt?“
„Nichts Wichtiges“, murmelte Jonathan. „Nur, dass es bei uns in letzter Zeit öfter Streit wegen der Finanzen gibt.“
„Wir streiten, weil du seit fünf Monaten nicht arbeitest“, sagte ich. „Und weil du trotzdem jede Woche Geld in irgendeines von den zweifelhaften Vorhaben deines Vaters steckst.“
Henry Fuchs’ Gesicht erstarrte.
„Über meine Geschäfte redest du gefälligst mit Anstand!“
Ich hielt seinem Blick stand.
„Dann reden Sie auch anständig über mein Geld.“
Im Zimmer fiel plötzlich jedes Geräusch weg. Neben mir richtete meine Mutter sich ein wenig auf und fixierte Henry Fuchs. Sie sagte nichts, doch ich kannte diesen Ausdruck in ihren Augen nur zu gut.
Sie nahm nicht einfach wahr, was gesagt wurde. Sie speicherte jedes Wort ab.
Henry schob seinen Stuhl mit einem kratzenden Geräusch nach hinten und stand auf.
„Du bist doch von Anfang an nur hier aufgetaucht, um meinen Sohn auszunehmen.“
Einen Herzschlag lang war ich sicher, mich verhört zu haben.
„Den größten Teil unserer Miete zahle ich“, erwiderte ich langsam. „Jonathans Schulden habe ich beglichen. Und Ihre Firmenunterlagen habe ich Ihnen monatelang kostenlos sortiert.“
„Eben!“, fuhr er mich an. „Genau darum ging es dir. Du wolltest dich in unsere Finanzen schleichen, damit du dir später alles unter den Nagel reißen kannst.“
Jetzt griff meine Mutter ein.
„Genug, Henry.“
Sie sprach ruhig, beinahe leise. Trotzdem drehten sich im selben Moment alle Köpfe zu ihr.