Geschichte
„„Linchen, Liebes, mir platzt der Kopf, ich kann nicht einmal aufstehen“ — Sabine klagte und erschien wenig später frisch frisiert

„„Linchen, Liebes, mir platzt der Kopf, ich kann nicht einmal aufstehen“ — Sabine klagte und erschien wenig später frisch frisiert

Diese ungerechte Demütigung ist herzzerreißend und empörend.

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277 Leser 5 Seiten ~3 Min.

— Lina, ich mache dir den Speiseplan, und du kümmerst dich ums Kochen, — sagte Sabine und schob ihr drei eng beschriebene Blätter hin. — Ich würde es ja selbst übernehmen, aber meine Hände… dieser schreckliche Arthritis-Schub macht mich völlig fertig.

Lina nahm die Liste entgegen. Kalte Vorspeisen, warme Gerichte, mehrere Salate, dazu drei verschiedene Nachspeisen. Zum Hochzeitstag von ihr und Lukas hatte ihre Schwiegermutter acht Gäste eingeladen. Einfach so, ohne ein Wort vorher mit ihnen zu besprechen.

— Sabine, wäre es nicht vernünftiger, etwas zu bestellen? — fragte Lina und sah von den Blättern auf.

— Bestellen?! — Sabine riss empört die Arme hoch; von schmerzenden Gelenken war an ihren Händen nichts zu erkennen. — Was sollen denn meine Freundinnen denken? Dass wir keine Gäste bewirten können? Nein, mein Kind, diesmal zeigst du, was in dir steckt.

Lina faltete die Liste einmal zusammen. Dann noch einmal. Und noch einmal. Schließlich lag nur noch ein kleines Papierquadrat auf dem Tisch.

— Gut. Ich werde es zeigen.

Vor sieben Monaten, gleich nach der standesamtlichen Trauung, hatte Lukas erklärt, sie würden vorerst bei seiner Mutter wohnen. Dieses „vorerst“ hatte sich rasch als Dauerzustand entpuppt. Sabine, deren Mann vor sieben Jahren gestorben war, bewohnte allein eine Dreizimmerwohnung und litt sehr. Allerdings nicht unter Einsamkeit. Sondern unter der Tatsache, dass gekocht, geputzt und gewaschen werden musste.

Schon am zweiten Tag nach der Hochzeit bekam die Schwiegermutter plötzlich Migräne.

— Linchen, Liebes, mir platzt der Kopf, ich kann nicht einmal aufstehen. Mach du bitte irgendetwas zu essen, ja?

Lina kochte. Danach räumte sie auf. Anschließend wusch sie die Wäsche. Gegen Abend war Sabine auf wundersame Weise genesen und fuhr zum Friseur, um sich die Haare legen zu lassen. Sie kam erholt zurück, mit glänzender Frisur und dem Duft eines teuren Shampoos um sich herum.

Von da an traten die Migräneanfälle zuverlässig immer dann auf, wenn Essen zubereitet werden sollte. Schwindel meldete sich pünktlich vor dem Hausputz. Arthritis befiel Sabine jedes Mal, sobald Geschirr gespült werden musste, verschwand aber spurlos, wenn sie Zeitschriften durchblätterte oder zum Einkaufen ging.

Lukas bemerkte nichts. Oder er wollte nichts bemerken.

— Na und? Mama kann eben nicht, sie ist gesundheitlich angeschlagen. Du bist jung, du schaffst das schon.

Und Lina schaffte es. Sie stand um fünf Uhr morgens auf, machte Frühstück für drei Personen, fuhr zu ihren Erstklässlern in die Schule, kam gegen sechs Uhr abends zurück und wusch, putzte und kochte bis elf Uhr nachts für den nächsten Tag vor. Lukas erschien, aß zu Abend und legte sich vor den Fernseher. Manchmal fragte er, weshalb sie eigentlich „immer so schlecht gelaunt“ sei.

Sie wurde schmaler. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten. Die Haut an ihren Händen war rissig, die Nägel splitterten. Im Spiegel begegnete Lina einer fremden Frau: erschöpft, älter geworden, innerlich leer.

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