Da vibrierte das Handy. Eine unbekannte Nummer. „Lina, hier ist Sabine. Verzeih mir. Ich habe nicht begriffen, was ich tue. Komm zurück. Ich werde mich ändern.“
Lina las die Nachricht. Dann löschte sie sie und legte das Telefon auf die Fensterbank.
Draußen streute eine alte Frau Brotkrumen aus. Die Tauben flatterten heran, drängten sich, gurrten durcheinander. Es war laut. Lebendig. Es roch nach Herbst, nach nassem Asphalt und nach fremdem Essen aus der Gemeinschaftsküche. Nicht nach Sabines schwerem Parfum. Nicht nach ihren endlosen Migränen. Nicht nach Lukas, der nie gelernt hatte, wirklich hinzusehen.
Lina öffnete das Fenster weiter. Kalte Luft schlug ihr ins Gesicht. Sie atmete ein, tief, bis in den letzten Winkel ihrer Lunge.
Zum ersten Mal seit sieben Monaten ging sie um acht Uhr abends ins Bett, einfach weil ihr danach war. Nicht, weil sie vor Erschöpfung zusammenbrach. Sondern weil sie es durfte. Niemand würde sie wecken, damit sie Hemden bügelte. Niemand würde behaupten, sie gebe sich nicht genug Mühe. Niemand würde ihre Nachgiebigkeit noch einmal für Schwäche halten.
Am nächsten Morgen wachte sie vom Sonnenlicht auf. Samstag. Sie musste nicht aufstehen. Sie konnte weiterschlafen, spazieren gehen oder einfach liegen bleiben. Jede Möglichkeit gehörte ihr.
In der Küche stand Elisabeth, ihre Nachbarin, eine Frau über fünfzig, und setzte Wasser auf.
„Tee?“
„Gern. Danke.“
Sie saßen schweigend am Tisch. Hinter dem Fenster gurrten die Tauben, Autos fuhren vorbei, irgendwo im Hof stritt jemand. Ein ganz gewöhnlicher Morgen. Fremd noch. Aber ihrer.
Lina trank ihren Tee aus, spülte die Tasse ab und sah im dunklen Fensterglas ihr Spiegelbild. Blass, ungeschminkt, die Haare zerzaust. Eine ganz normale Frau.
Frei. Lebendig.
Und Lina lächelte.