„An Luisa?“, fragte Lukas schließlich ungläubig. „Mama, bist du verrückt geworden? Luisa ist vierzehn! Und Theresa ist ihre Mutter. Dann wird am Ende Theresa über diese Wohnung bestimmen!“
„Luisa wird erwachsen“, sagte Katharina unbeirrt. „Und Theresa hat im Gegensatz zu dir nie nach etwas gegriffen, das ihr nicht gehört.“
Lukas fluchte. Gleich darauf klingelte sein Handy. Als er abnahm, veränderte sich seine Stimme schlagartig. Sie wurde weich, beinahe schmeichelnd.
„Ja, Schatz. Nein, ich bin noch hier. Nee, sie blockt ab. Behauptet, sie hätte das Testament auf Luisa gemacht. Kannst du dir das vorstellen? Ach, reg dich nicht auf. Wir kriegen das hin. Wichtig ist erst mal, dass ich den Wagen schon auf Samuel umgeschrieben habe, genau wie besprochen. Im Vertrag steht ein Kaufpreis von tausend Euro. Theresa bekommt bei der Aufteilung davon nichts mehr, offiziell ist da nichts zu holen. Also, formal. Später überschreibt Samuel ihn mir zurück, wenn der ganze Kram vorbei ist. Nein, der ist zuverlässig, der lässt mich nicht hängen. Gut, bis gleich. Kuss, ich bin bald da.“
Theresa stand reglos neben dem Bücherregal. Ihre Finger wurden eiskalt.
Der Geländewagen. Dieser schwarze, blank polierte Wagen, der unten vor dem Haus geparkt hatte. Sie hatten ihn im März gekauft, für fünfzehntausend Euro. Theresa war damals dagegen gewesen. Wozu brauchte Lukas so ein großes Auto, wenn er nur zur Arbeit und gelegentlich zum Wochenendhaus fuhr? Doch Lukas hatte sie überredet: eine vernünftige Anschaffung, ein gutes Modell, kaum Wertverlust, hatte er gesagt. Zweitausend Euro für die Anzahlung waren von Theresa gekommen, ihre Jahresprämie, die sie eigentlich für die Renovierung der Küche beiseitegelegt hatte. Den Rest zahlten sie über einen Kredit ab, Monat für Monat, von ihrem gemeinsamen Geld.
Und nun gehörte dieser Wagen auf dem Papier irgendeinem Samuel. Für tausend Euro.
Plötzlich ließ Luisa Theresas Hand los und trat aus der Deckung des Regals.
„Papa“, sagte sie laut. „Hallo.“
Lukas kam mit dem Handy in der Hand in den Flur. Zuerst sah er seine Tochter, dann Theresa. Sein Gesicht verlor alle Farbe, gleich darauf schossen rote Flecken über seine Wangen.
„Ihr … ihr steht schon lange hier?“
„Lange genug“, antwortete Theresa.
Katharina erschien in der Tür ihres Arbeitszimmers. Klein, grauhaarig, in einem blauen Hauskleid, den rechten Arm in Gips und in einer Schlinge. Ihr Blick wanderte von Theresa zu Luisa, die noch immer die Tüte mit dem Apfelkuchen in der Hand hielt. Da bebte etwas in ihrem strengen Gesicht.
„Luisa“, sagte sie leise. „Mein Mädchen. Komm her.“
Luisa lief zu ihrer Großmutter und umarmte sie vorsichtig, damit sie den verletzten Arm nicht berührte. Katharina strich ihr mit der gesunden Hand über den Kopf und sah dabei über Luisas Schulter hinweg ihren Sohn an.
„Und du, Lukas, gehst jetzt. Nimm dein Papier mit. Und den Schlüssel fürs Wochenendhaus lässt du auf der Kommode liegen. Den hast du beim letzten Mal eingesteckt.“
„Mama, willst du etwa wegen ihr …“
„Nicht wegen ihr. Wegen mir. Geh.“