Auf ihr Klingeln reagierte niemand. Theresa wartete einen Moment, drückte noch einmal auf den Knopf und lauschte. Als wieder keine Schritte im Flur zu hören waren, holte sie den Schlüssel hervor und schob ihn ins Schloss.
Katharinas Wohnung war alt, aber gepflegt: zwei Zimmer, ein schmaler, langer Flur und an einer Wand Bücherregale, die bis fast unter die Decke reichten. Es roch nach Papier, getrockneten Kräutern und Katzenfutter. Theo, der riesige rotgetigerte Kater mit dem eingerissenen Ohr, schoss ihnen entgegen, als hätte er sie längst erwartet, und strich sofort schnurrend um Luisas Beine.
Aus dem hinteren Zimmer, in dem Katharina ihr Arbeitszimmer eingerichtet hatte, drangen Stimmen. Theresa hob warnend die Hand, bedeutete Luisa, leise zu sein, und blieb neben dem ersten Bücherregal stehen.
„Mama, warum stellst du dich denn so quer?“, hörten sie Lukas sagen. „Es ist nur ein Formular. Du unterschreibst, mehr nicht. Für dich ändert sich doch überhaupt nichts.“
„Wenn sich nichts ändert“, erwiderte Katharina ruhig, mit diesem sachlichen Ton, den sie vermutlich früher im Unterricht benutzt hatte, „weshalb brauchst du dann meine Unterschrift?“
„Weil es so sicherer ist. Versteh doch, Mama: Ich stecke mitten in der Scheidung. Theresa wird jetzt alles haben wollen, was irgendwie aufzuteilen ist. Wenn du mir die Wohnung jetzt schenkst, kommt sie da nicht heran. Geschenke zählen bei einer Scheidung nicht zum gemeinsamen Vermögen, das wäre dann meins allein. Bei einem Testament wäre es zwar später auch Erbe und würde ebenfalls nicht geteilt, aber das ist irgendwann. Ich brauche es jetzt.“
„Wofür brauchst du es ausgerechnet jetzt?“
Für einige Sekunden schwieg Lukas.
„Na ja … Sandra und ich müssen irgendwo wohnen. Eine Mietwohnung ist doch hinausgeworfenes Geld. Und hier hast du zwei Zimmer, mitten in der Stadt. Den ganzen Sommer bist du sowieso im Wochenendhaus. Du könntest ganz dorthin ziehen. Frische Luft, Garten, Ruhe. Ich baue dir einen neuen Ofen ein. Und ich dämme das Haus.“
„Du dämmst es“, wiederholte Katharina langsam. „Lukas, ich bin einundsiebzig. Mein Arm steckt im Gips. Die nächste Apotheke ist dort vier Kilometer entfernt, über einen Feldweg. Im Winter fährt der Bus zweimal am Tag.“
„Dann komme ich eben öfter vorbei!“
„Du kommst jetzt schon nicht. In den letzten zwei Wochen warst du ein einziges Mal hier. Heute. Mit einem Papier in der Tasche.“
Theresa spürte, wie Luisa ihre Hand fester umklammerte.
„Mama, ich versuche dir doch nur zu erklären …“
„Mir musst du gar nichts erklären. Ich bin nicht begriffsstutzig.“ In Katharinas Stimme lag plötzlich Stahl. „Fünfunddreißig Jahre lang habe ich Kindern erklärt, wie Salzsäure mit Eisen reagiert. Und nun willst du mir erklären, wie man die eigene Mutter aus ihrer Wohnung bekommt. Nein, Lukas. Ich unterschreibe nicht.“
„Warum denn nicht?“
„Weil die Wohnung bereits geregelt ist. Sie geht an Luisa. Vor zwei Jahren habe ich ein Testament gemacht. Beim Notar. Alles sauber und rechtsgültig.“
Stille senkte sich über die Wohnung. Theresa hörte nur das Ticken der Küchenuhr und Theos lautes Knacken, während er im Flur sein Futter fraß.