„Sie ist doch die Jüngere“, erklärte ihre Mutter dann. „Sie braucht eben noch Zeit.“
„Ein Mädchen muss gut aussehen, wenn es später gut heiraten will“, hatte ihre Mutter Sophies neuen Kredit für einen sündhaft teuren Pelzmantel verteidigt.
„Sie muss sich auch mal erholen und mit ihren Freundinnen wegfahren“, hieß es, als Sophie sich die nächste Kreditkarte besorgt hatte.
Und nun waren da zweitausend Euro Schulden, Mahnschreiben, Inkassodrohungen — und natürlich der Satz: Emma muss helfen, weil sie die Ältere ist.
Emma erinnerte sich daran, wie sie selbst vor zwei Jahren ihre Eltern um Geld gebeten hatte. Fünfhundert Euro. Sie hatte dringend einen Weiterbildungskurs bezahlen müssen, der ihr die Chance auf eine Beförderung eröffnen sollte. Damals hatte ihre Mutter nur gesagt: „Das geht nicht. Wir haben Geld für Sophies Hochzeitsseminar zurückgelegt. Du bist erwachsen, du wirst es schon verdienen.“
Sie hatte es verdient. Einen Kredit aufgenommen, den Kurs absolviert und die Beförderung bekommen. Wie immer. Sophie hatte am Ende trotzdem nicht geheiratet; das Hochzeitsseminar hatte offenbar keine Wunder vollbracht.
Emma klappte den Laptop zu, legte sich aufs Sofa und richtete den Blick an die Decke. Morgen würde sie zu ihren Eltern fahren müssen, das Geld abgeben, Sophies überschwänglichen Dank ertragen und sich von ihrer Mutter anhören, wie wichtig Familie sei. Übermorgen hätte sie eigentlich im Zug an die Ostsee sitzen sollen. Stattdessen würde sie wie gewohnt im Büro erscheinen. Graue Wände, Verkaufszahlen, Berichte, Besprechungen.
Mindestens drei Jahre würde sie brauchen, um wieder genug für einen Urlaub zurückzulegen. Vielleicht sogar länger.
Das Handy vibrierte erneut. Sophie hatte ein Foto geschickt: Sie stand vor einem Spiegel, posierte in einem neuen Kleid. Darunter schrieb sie: „Na? Wie findest du’s? Auf Raten gekauft, aber ich muss erst in drei Monaten anfangen zu zahlen!“
Emma betrachtete das Bild, und plötzlich spürte sie, wie etwas in ihr anwuchs. Es war keine Wut; Wut hatte sie sich längst abtrainiert. Auch keine Kränkung; die war mit den Jahren stumpf geworden, wie ein alter Schmerz, an den man sich gewöhnt hatte. Es war etwas anderes. Müdigkeit. Eine tiefe, alles überflutende Erschöpfung, so schwer, dass sie sich am liebsten hingelegt hätte, um nie wieder aufzustehen.
Wie lange noch?
Die Frage hallte so laut in ihrem Kopf, dass Emma zusammenzuckte.
Wie lange konnte sie noch bequem, richtig, pflichtbewusst sein? Wie lange sollte sie ihre eigenen Pläne, ihr Geld, ihr Leben opfern, nur damit ihre Mutter sich nicht aufregte und Sophie weiter in ihrer rosafarbenen Welt leben konnte, in der sich am Ende alles irgendwie von selbst regelte?
Sich schon irgendwie alles fügen würde?
Emma richtete sich auf und klappte den Laptop auf. Der Cursor blinkte noch immer geduldig neben derselben Zeile: „Zahlung bestätigen.“
Plötzlich sah sie ihr Gesicht vom Morgen wieder vor sich, dieses müde Spiegelbild im Bad. Zweiunddreißig Jahre alt, und doch wirkte sie, als hätte sie längst die Vierzig überschritten. An den Schläfen zeigten sich graue Strähnen, die sie inzwischen nicht einmal mehr zu überdecken versuchte. Um ihre Augen lagen feine Linien — nicht vom Lachen, sondern von einem dauerhaften inneren Druck, der nie nachließ. Wann hatte sie zum letzten Mal einfach so gelacht, aus Leichtigkeit, aus Freude?