„Und was genau machst du beruflich, Julia?“, fragte sie.

Ich erklärte es ihr.

„Das heißt, du starrst den ganzen Tag auf Zahlen?“

„Im Großen und Ganzen, ja.“

„Aha. Sebastian hat wenigstens einen anständigen Beruf gelernt.“

Ich lachte, weil ich glaubte, sie scherze.

Sie scherzte nicht.

Einige Monate später erfuhr sie, dass ich zur Miete wohnte. Daraufhin sagte sie zu Sebastian:

„Ich hoffe, sie hat dich nicht nur deshalb genommen, damit sie endlich ein eigenes Zuhause bekommt.“

Damals stellte Sebastian sich noch vor mich.

„Mama, Julia verdient mehr als ich. Hör bitte auf.“

Katharina sprach daraufhin drei Tage lang kein Wort mit ihm.

Als wir heirateten, hatte Sebastians Mutter sich längst eine ganze Geschichte über uns zurechtgelegt. In ihrer Version war ich eine berechnende Frau, die im richtigen Augenblick einen gut verdienenden Mann gefunden hatte.

Ich bemühte mich nicht, jedes Gerücht zu widerlegen.

Das war ein Fehler.

Im dritten Jahr unserer Ehe wechselte ich die Stelle. Ich begann für ein Unternehmen in Hamburg zu arbeiten, größtenteils im Homeoffice. Katharina erzählte der Verwandtschaft daraus, „Julia habe endlich aufgehört zu arbeiten“.

Als unser Sohn Paul geboren wurde und ich anderthalb Jahre mit ihm zu Hause blieb, sprach meine Schwiegermutter bereits mit felsenfester Überzeugung davon, dass mein Mann mich ernähre.

Dabei hatte ich selbst während dieser Zeit kleinere Beratungsaufträge übernommen. Außerdem floss ein erheblicher Teil meiner Ersparnisse in unser gemeinsames Leben.

Es war nicht das Geld, das mich verletzte.

Es war diese unerschütterliche Selbstsicherheit, mit der jemand über meine Ehe urteilte, ohne auch nur die elementarsten Einzelheiten zu kennen.

Vor allem eine Sache wusste Katharina nicht.

Sie wusste nicht, wie wir zu dem Haus gekommen waren, in dem sie jetzt saß.

Drei Jahre zuvor waren wir in ein kleines, frisch renoviertes Einfamilienhaus in der Nähe eines Sees gezogen. Riesig war es nicht: hundertvier Quadratmeter, drei Schlafzimmer, ein Wohnbereich mit offener Küche und ein Garten, in dem ich im Frühling ständig gegen das Unkraut kämpfte.

Schon bei ihrem ersten Besuch hatte Katharina jeden Raum inspiziert.

„Na, dafür hat mein Sohn aber ordentlich geschuftet!“, verkündete sie stolz.

Ich korrigierte sie nicht.

Sebastian stand draußen auf der Terrasse am Grill, und Paul zeigte seiner Großmutter voller Begeisterung seinen Sandkasten.

Ich wollte keinen Streit.

Doch von da an sagte Katharina immer häufiger „das Haus meines Sohnes“.

Einmal fragte sie, warum wir das Wohnzimmer nicht beige streichen ließen.

Ein anderes Mal erklärte sie, das Gästezimmer müsse eigentlich für sie freigehalten werden, schließlich bezahle „Sebastian ja ohnehin alles“.

Der eigentliche Konflikt begann jedoch Ende September, als sie ankündigte, für mindestens sechs Wochen bei uns einzuziehen.

Als Begründung nannte sie die Reha nach einer Operation am Fuß.

Ihr Arzt hatte gesagt, sie könne sich auch zu Hause erholen, denn mein Schwiegervater lebte bei ihr und hätte ihr helfen können. Katharina bestand jedoch darauf, dass es bei uns bequemer sei.