Sophie wurde übel.
Sie dachte an das Gesicht ihrer Mutter im Krankenzimmer, an die Worte über Schuld, über Sühne, über eine Sünde, die man irgendwie wiedergutmachen müsse. Alles hatte auf einem Irrtum beruht. Nein, schlimmer: auf einer selbstgebauten Täuschung, errichtet, weil die tatsächliche Wahrheit unerträglich gewesen war. Marlenes Kind war tot. Es hatte keine Tochter gegeben, die irgendwo aufgewachsen war und später ein eigenes Kind bekommen hatte. Es gab nur einen Schatten, den ihre Mutter auf einen lebenden Menschen gelegt hatte.
„Weiß sie es?“, fragte Sophie.
Luisa schüttelte den Kopf.
„Ich habe es ihr nicht gesagt. Ich konnte nicht.“
„Du musst es ihr sagen.“
„Nein.“ Luisas Stimme wurde hart. „Das würde sie umbringen. Und ich meine das nicht bildlich. Ihr Herz ist schwach, ihr Blutdruck spielt verrückt. Wenn sie erfährt, dass sie sich zwei Jahre lang um eine Fremde gekümmert hat, während ihre echte Tochter seit über dreißig Jahren tot ist, übersteht sie das nicht.“
Sophie stand auf. Sie ging ein paar Schritte durch die Halle, blieb stehen, kehrte wieder um. Ihre Gedanken stießen gegeneinander wie Glasscherben. Alles war eingestürzt: Blut, Tradition, Erbe, Schuld, Familie. Ein einziges Gutachten hatte das ganze Gebäude zum Einsturz gebracht, das Marlene mit so viel Verzweiflung errichtet hatte.
„Was wirst du jetzt tun?“, fragte Sophie schließlich.
„Weggehen. Ich habe eine Tante in einem anderen Bundesland. Sie hat schon länger gesagt, dass ich zu ihr kommen kann.“
„Und die Wohnung?“
„Die gehört euch“, sagte Luisa mit festem Blick. „Ich nehme nichts. Ich bin keine Verwandte. Es wäre Diebstahl.“
Sophie dachte an ihre Mutter, die im Krankenhausbett lag und an die Decke starrte. An ihre Pläne, die sich in nichts aufgelöst hatten. An den Familienstolz, der von einem einfachen Test ausgelöscht worden war. Und zu ihrer eigenen Überraschung empfand sie keinen Triumph. Keine Genugtuung. Nur Mitleid. Bitter und scharf, wie Wermut auf der Zunge.
„Ich miete dir eine Wohnung“, sagte sie.
Luisa hob erschrocken den Kopf.
„Sophie …“
„Für ein halbes Jahr. Nicht hier in der Gegend, irgendwo weiter weg. Damit du in Ruhe Arbeit suchen kannst und nicht gleichzeitig Angst haben musst, wo du mit Emma schläfst.“
„Das kann ich nicht annehmen.“
„Doch. Das ist keine Wohltätigkeit und auch keine Wiedergutmachung. Es macht es für mich leichter. Ich will nicht, dass du und Emma in einem Hostel leben. Du bist ein guter Mensch, Luisa. Du hast nichts Falsches getan. Dass meine Mutter dich benutzt hat, ist ihre Schuld. Nicht deine.“
Luisa senkte den Blick. Lange sagte sie nichts. Dann sah sie zu ihrer Tochter hinüber, die immer noch in der Ecke saß und mit konzentrierter Miene über den Bildschirm wischte. Schließlich nickte Luisa langsam.
„Danke. Wir zahlen es zurück, sobald wir können.“
„Abgemacht“, sagte Sophie und stand auf. „Und jetzt muss ich wieder ins Krankenhaus.“
Als sie am Abend das Krankenzimmer betrat, lag Marlene halb aufgerichtet in den Kissen und starrte auf den Fernseher. Der Ton war ausgeschaltet, nur die Bilder flackerten lautlos über den Bildschirm. Als sie Sophie bemerkte, griff sie nach der Fernbedienung und schaltete das Gerät aus.