Luisa schwieg einen Moment.

„Gut“, sagte sie schließlich. „Komm am Mittwoch. Gegen drei. Ich schicke dir die Adresse vom Hostel.“

Einige Tage vergingen. Marlene blieb im Krankenhaus. Die Ärzte sprachen von Stabilisierung, aber ihre Stimmen blieben vorsichtig, wenn sie Prognosen machten. Sophie fuhr jeden Tag hin. Dennoch sprachen Mutter und Tochter kaum miteinander. Marlene schwieg. Sophie schwieg ebenfalls. Alles, was wirklich wichtig gewesen war, hatten sie bereits in jener Wohnung ausgesprochen. Weitere Worte hätten nichts geklärt, nur neue Wunden aufgerissen.

Am Mittwoch fuhr Sophie zu dem Hostel. Luisa wartete in der Eingangshalle auf sie. Sie sah müde aus, eingefallen, mit dunklen Schatten unter den Augen, aber sie hielt sich aufrecht und gefasst. Emma saß ein Stück entfernt in einer Ecke und spielte auf einem Tablet.

„Möchtest du etwas essen?“, fragte Luisa.

„Nein. Lass uns einfach reden.“

Sie fanden ein Sofa am hinteren Ende der Halle. Sie setzten sich nebeneinander, doch zwischen ihnen blieb ein Abstand, bewusst und notwendig. Zwei Frauen, die nicht von eigener Entscheidung, sondern durch den Willen einer dritten gegeneinander gestoßen worden waren.

Sophie begann.

„Ich habe in den letzten Tagen viel nachgedacht. Und ich habe gemerkt, dass ich dich nicht hasse. Gar nicht. Du kannst nichts für das, was passiert ist.“

„Ich hasse dich auch nicht“, sagte Luisa. „Aber leicht ist es trotzdem nicht. Emma fragt ständig, wo Oma Marlene ist und warum wir weggegangen sind. Ich weiß nicht, was ich ihr antworten soll.“

„Sag ihr die Wahrheit. So viel, wie sie verstehen kann. Dass Erwachsene manchmal schwere Fehler machen. Und dass diese Fehler ausgerechnet die Menschen verletzen, die sie lieben.“

Luisa lächelte schwach, beinahe bitter. Dann griff sie in ihre Tasche, holte einen zerknitterten Umschlag hervor und zog ein Blatt Papier heraus. Sie reichte es Sophie.

„Was ist das?“

„Du hattest doch nach einem DNA-Test gefragt. Ich habe ihn machen lassen. Vor einem Monat. Heimlich, ohne Marlene etwas davon zu sagen. Ich wollte wissen, ob Emma wirklich ihre Enkelin ist. Ich wollte sicher sein, dass wenigstens das echt ist.“

Sophie nahm das Blatt. Die Zeilen des medizinischen Gutachtens verschwammen vor ihren Augen: Tabellen, Wahrscheinlichkeiten, Prozentzahlen.

„Und?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort plötzlich fürchtete.

„Lies den Schluss“, sagte Luisa.

Sophie senkte den Blick.

Die Wahrscheinlichkeit einer biologischen Verwandtschaft zwischen Marlene Winter und Emma Lange beträgt 0,01 Prozent. Eine biologische Verwandtschaft ist ausgeschlossen.

Sie las den Satz einmal. Dann ein zweites Mal. Beim dritten Mal schien er sich in ihr festzubrennen. Langsam hob sie den Kopf.

Luisa sah sie ruhig an, aber in dieser Ruhe lag etwas Endgültiges.

„Emma ist nicht ihre Enkelin“, sagte sie. „Und ich bin nicht ihre Tochter. Marlene hat sich geirrt. Oder sie wollte sich irren. Vielleicht hat sie sich absichtlich an diese Vorstellung geklammert. Ihre wirkliche Tochter ist als Säugling gestorben. Ich habe die Unterlagen prüfen lassen. Das kleine Mädchen, das sie 1982 zur Welt gebracht hat, lebte nur drei Monate. Dann starb es an einer Lungenentzündung. Ich dagegen war nur ein Kind aus dem Heim, ein abgegebenes Baby mit demselben Geburtsdatum und einem ähnlichen Gesicht. Solche Zufälle gibt es in alten Heimakten häufiger, als man denkt. Marlene hat mich gefunden, die Ähnlichkeit gesehen und sich daran festgebissen. Sie hat sich eingeredet, das sei Schicksal. Dass ich dieses Kind sei. Ihre verlorene kleine Luisa.“