„Hey!“, brüllte er. „Was soll der Mist?“

Ich war bereits auf dem Weg zur Wohnungstür. Im Gehen zog ich mein Handy hervor, öffnete die Anrufliste und wählte 112.

„Unbefugtes Eindringen in eine Wohnung“, sagte ich gleichmäßig, als die Leitstelle sich meldete. „Hamburg, die und die Straße, Hausnummer so und so. Fremde Personen befinden sich ohne meine Zustimmung in den Räumen. Eigentum wurde beschädigt, außerdem besteht der Verdacht eines Diebstahlversuchs.“

Hinter der Schlafzimmertür wurde es zuerst still. Dann kreischte Christina:

„Bist du jetzt völlig wahnsinnig geworden?“

Aus dem Treppenhaus drang der Geruch von Feuchtigkeit, nassem Metall und dem Abendessen irgendeines Nachbarn, gebratene Zwiebeln. In meinem alten Hamburger Mehrfamilienhaus gab es schwere Treppen, hohe Decken, dicke Türen und dieses besondere Dröhnen, das nur alte Häuser haben und in dem fremdes Geschrei besonders hässlich klingt. Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand. Erst da merkte ich, wie heftig meine Finger zitterten.

In Gefahr war in diesem Moment nicht nur die Wohnung. Nicht nur meine Sachen, das Parkett, das Geschirr, Kleidung und Unterlagen. Bedroht war das Letzte, was an dieser Ehe nach außen noch anständig gewirkt hatte: die bequeme Vorstellung, Lukas sei einfach nur weich. Harmlos. Einer, dem es schwerfiel, Nein zu sagen. Nein. Weiche Menschen bringen während deiner Dienstreise keine halbe Sippe in dein Zuhause und geben ihrer Schwester nicht den Schlüssel zu deinem Schlafzimmer. Weiche Menschen fürchten bloß Auseinandersetzungen. Lukas aber benutzte seine Angst schon lange als Schutzschild für die Dreistigkeit anderer.

Der Streifenwagen ließ nicht lange auf sich warten. Der Oktoberregen trommelte gegen das Fenster im Treppenhaus, unten fiel eine Haustür ins Schloss, jemand stieg schwer atmend die Stufen hinauf. Ich starrte auf mein Telefon und versuchte zu begreifen, wie es überhaupt so weit hatte kommen können.

Als Lukas Weiß und ich geheiratet hatten, glaubte ich noch, sein größtes Problem sei der Wunsch, es allen recht zu machen. Er war einer jener Männer, die in Gesellschaft sofort einen Stuhl heranrücken, Tee einschenken, Einkaufstüten tragen helfen und sich für jede Unverschämtheit anderer eine Entschuldigung zurechtlegen.

und die selbst dann noch Verständnis aufbrachten, wenn sich längst jemand bequem auf ihrem Rücken eingerichtet hatte. Nach den lauten, groben, selbstgewissen Männern, denen ich früher begegnet war, wirkte diese Sanftheit zunächst beinahe kostbar. Ich arbeitete damals viel, führte bereits anspruchsvolle zivilrechtliche Verfahren und war daran gewöhnt, Haltung zu bewahren, wenn Druck aufgebaut wurde. Neben mir erschien Lukas Weiß fast wie eine Pause vom Leben: häuslich, freundlich, einer, der Lichterketten geschmackvoll aufhängte und stundenlang die passende Schrift für ein Logo suchte, als bestünde genau darin der Frieden.

Nur war Lukas nicht das ganze Problem. Das eigentliche Problem kam immer durch seine Verwandtschaft in unsere Wohnung.

Christina Böhm war acht Jahre älter als Lukas, benahm sich aber, als sei sie die Kleine, Zerbrechliche, vom Schicksal unablässig Benachteiligte. Bei ihr ereignete sich ständig irgendeine Katastrophe. Mal war die Mietwohnung „ganz plötzlich“ unbezahlbar geworden. Mal lief es mit der Arbeit „nur vorübergehend“ nicht. Mal hatte sie sich wieder einmal auf den falschen Mann verlassen. Mal spielte die Gesundheit ausgerechnet dann verrückt, wenn geliehenes Geld zurückgezahlt werden sollte. Und all diese dauerhafte Haltlosigkeit landete aus irgendeinem Grund jedes Mal auf den Schultern meines Mannes.