
„Los, deck den Tisch!“ forderte Sabine, während Hannah fassungslos auf den schlafenden Thomas starrte
Unverschämte Gäste rauben friedliche Nacht und Würde.
Es klingelte an der Wohnungstür, ausgerechnet in dem Moment, als Hannah Köhler im Bad stand und sich fürs Bett fertig machte. Ihr Mann Thomas Kraus lag schon seit einer ganzen Weile auf dem Sofa und sägte so laut, als wolle er die halbe Wohnung zum Einsturz bringen. Hannah erschrak, zog den Morgenmantel enger um sich und ging dennoch zur Tür.
— Aufmachen! Ich sehe doch, dass jemand den Spion verdeckt! — dröhnte Sabine Langs Stimme durchs Treppenhaus.
Thomas’ Schwester hatte noch nie begriffen, was Rücksicht bedeutete. Mit ihrer kräftigen Statur und ihrer unerschöpflichen Energie fiel sie überall auf, selbst dann, wenn sie gar nichts tat.
— Hallo… — sagte Hannah verwirrt, als sie öffnete. Auf ihrem Gesicht glänzte eine Maske für empfindliche Haut, in den Haaren steckten Lockenwickler.
— Na, Freundin! Gut, dass ihr noch wach seid. Wir waren hier in der Gegend unterwegs und haben die letzte U-Bahn verpasst. Also schlafen wir heute bei euch, — verkündete Sabine und schob Hannah kurzerhand zur Seite.

Hinter ihr zwängten sich ihr Mann Alexander Peters und ihr siebenjähriger Sohn Jonas Huber in den Flur.
— Wo ist denn mein Brüderchen? Thomas! Warum pennst du? Aufstehen, deine Schwester ist da! — rief Sabine und lachte los.
Dieses Lachen klang für Hannah wie das Röhren eines Nilpferds, gemischt mit dem Schluckauf eines Elefanten. Ihr rechtes Augenlid begann zu zucken. In diesem Augenblick war ihr klar: Der ruhige Abend war endgültig ruiniert.
— Hannah Köhler! Was stehst du da wie angewurzelt? Los, deck den Tisch! Deine lieben Verwandten sind nach dem Weg halb verhungert.
Hannah warf ihrem Mann einen Blick zu, der eigentlich jedes weitere Wort hätte ersetzen müssen. Thomas Kraus zuckte jedoch nur mit den Schultern.
— Geht schon mal ins Wohnzimmer. Wir schauen ein bisschen Fernsehen. Hannah macht uns bestimmt schnell etwas Leichtes zu essen. Männer, kommt, Fußball läuft!
Fassungslos sah Hannah erst ihren Mann an, dann Jonas Huber, der in seinen Turnschuhen direkt in ihren Lieblingssessel kletterte. Der schmächtige Alexander seufzte verträumt:
— Zu Fußball wären Chips jetzt perfekt. Was meinst du, Sabine, hat Hannah auch etwas, womit man die runterspülen kann?
— Sag mal, Thomas, — begann Hannah leise, ohne den Blick von Alexander zu nehmen, — hat Alexander eigentlich Ersatzzähne dabei?
Alexander verschluckte sich prompt. Sabine dagegen brüllte wieder vor Lachen.
— Du bist ja eine, Freundin! Na gut, zeig mir dein Reich, ich helfe dir.
— Sehr gern. Sobald Jonas meinen Sessel wieder sauber gemacht hat.
— So ein Bengel! Jonas, beim Reinkommen zieht man die Schuhe aus!
Ohne vom Handy aufzusehen, schleuderte Jonas die Turnschuhe auf den Boden und steckte sich mit wichtiger Miene einen Finger in die Nase.
Hannah verzog das Gesicht, ging ins Bad und drückte Sabine einen Lappen in die Hand.
— Hier. Damit wird der Sessel gereinigt. Danach gibt es die Führung.
— Also wirklich… Gastfreundschaft auf höchstem Niveau… — murmelte Sabine und reichte den Lappen an ihren Sohn weiter.
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