Jonas nickte zwar, unternahm aber selbstverständlich keinen einzigen Versuch, den Sessel anzurühren.
Hannah hatte vor, die ungebetenen Gäste mit ein paar belegten Broten abzuspeisen und ihnen anschließend ein Taxi zu rufen. Während sie Wurst in dünne Scheiben schnitt, hörte sie hinter sich ein verdächtiges Schmatzen. Sie drehte sich um und sah Sabine, die mit einer Suppenkelle Rote-Bete-Eintopf aus dem Topf schöpfte und direkt daraus aß.
Sabine lächelte sie an, vergaß dabei jedoch zu schlucken. Ein Schwall Suppe lief ihr über Kinn und Bluse.
Nicht im Mindesten verlegen wischte Sabine sich mit dem Rand der Bluse das Gesicht ab, zog das verschmierte Kleidungsstück aus und hielt es Hannah hin.
— Wasch die bitte schnell. Du hast doch so eine tolle Maschine! Unsere ist uralt, von so einem Ding kann ich nur träumen…
Hannah öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch alles geschah so rasch, dass sie kaum hinterherkam. Mit der schmutzigen Bluse in den Händen wollte sie gerade protestieren, als Jonas Huber in die Küche trat.
— Ich muss aufs Klo. Habt ihr da drin eine Steckdose?
— Nein, — sagte Hannah irritiert. — Wozu brauchst du die denn?
— Alexander! — brüllte Sabine. — Jonas muss auf die Toilette!
Die nächsten zehn Minuten rannte die gesamte erwachsene Gesellschaft durch die Wohnung und suchte ein Verlängerungskabel. Jonas hatte nämlich Magenprobleme. Er ging selten zur Toilette, blieb dort dafür ewig und grundsätzlich nur mit Handy. Ausgerechnet jetzt war der Akku fast leer.
Nachdem das Kind mit Strom versorgt war, kehrten die Erwachsenen in die Küche zurück. Die fremde Bluse in ihre Waschmaschine zu stecken, kam für Hannah jedoch nicht infrage.
Stattdessen drückte Hannah Köhler der Schwester ihres Mannes wortlos die Tüte in die Hand und erklärte knapp, im Haus nebenan gebe es eine Reinigung. Sabine Lang zuckte nur mit den Schultern, als beträfe sie das alles nicht weiter, und ließ sich wieder am Tisch nieder.
— Nett habt ihr es hier, — bemerkte sie mit vollem Mund, während sie sich noch ein Stück Wurst nahm. — Die Renovierung ist gelungen, die Möbel sehen teuer aus. Wovon leistet ihr euch diesen Luxus eigentlich?
— Wie bitte? — Hannah war im ersten Moment sicher, sich verhört zu haben.
— Ich frage, woher das Geld kommt, — wiederholte Sabine ungerührt. — Thomas Kraus jammert doch ständig, er habe nichts übrig. Und ihr wohnt mitten in der Stadt, in so einer riesigen Wohnung!
Hannah spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Am liebsten hätte sie Sabine sofort vor die Tür gesetzt. Doch sie riss sich zusammen. Unter Thomas’ Verwandten gab es schließlich auch vernünftige, anständige Menschen, und Sabine war durchaus imstande, hinterher die übelsten Geschichten zu verbreiten.
— Es gibt da tatsächlich einen geheimen Ort … — sagte Hannah langsam.
Mehrere Gäste beugten sich neugierig vor. Hannah ließ eine wirkungsvolle Pause entstehen, sah in die Runde und sprach dann laut und deutlich, fast buchstabierend:
— Nennt sich ARBEIT. Versucht es doch mal damit.
— Wir arbeiten, meine Liebe! — Sabine verzog beleidigt den Mund. — Nur wird man mit ehrlicher Arbeit eben nicht reich. Bei euch läuft es offenbar besser. Also wird irgendwo ein bisschen getrickst. Gebt der Familie etwas ab, und wir behalten eure kleinen Geheimnisse für uns.