„Das müssen Sie mit Maria Heinrich klären. Von mir bekommen Sie genau drei Tage. Packen Sie Ihre Sachen und räumen Sie die Wohnung. Am Mittwochabend komme ich mit einem Polizeibeamten und einem Schlüsseldienst her, um die Schlösser austauschen zu lassen. Wenn dann noch etwas von Ihnen hier steht, landet es im Treppenhaus. Haben wir uns verstanden?“

Er wollte protestieren, murmelte etwas von bereits gezahltem Geld und davon, dass er doch nichts dafür könne. Sophia hörte nicht mehr hin. Sie drehte sich um, ging hinaus und zog die Tür so heftig hinter sich zu, dass im Hausflur feiner Putz von der Decke rieselte.

Im Auto saß sie eine ganze Weile reglos hinter dem Lenkrad. Der Schlüssel steckte bereits im Zündschloss, doch ihre Hand gehorchte ihr nicht. Ein feines Zittern lief durch ihre Finger. Ein halbes Jahr. Seit sechs Monaten vermietete ihre Schwiegermutter heimlich Sophias Wohnung an fremde Leute. Sie kassierte das Geld, während Sophia brav die Grundsteuer zahlte und nun auch noch für völlig überzogene Nebenkosten geradestehen sollte.

Die Gedanken jagten durch ihren Kopf. Wofür brauchte Maria Heinrich solche Summen? Ihre Rente war ordentlich, sie lebte nicht schlecht, sie musste sich nichts vom Mund absparen. Und dann erinnerte Sophia sich.

Finn Mayer. Lukas Baumanns jüngerer Bruder. Dreißig Jahre alt und seit Jahren auf der Suche nach angeblich wahrer Berufung. Mal war ihm ein Chef zu herrisch, mal ein Team zu langweilig, mal passte ihm die Arbeitszeit nicht. Spätestens alle zwei Monate kündigte er oder wurde gekündigt, und sobald das Geld knapp wurde, stand er bei seiner Mutter auf der Matte. Vor ein paar Monaten war Finn plötzlich bei einem Familienessen in einem fast neuen ausländischen Wagen vorgefahren. Als Lukas ihn fragte, wie er sich das leisten könne, hatte Finn nur lässig die Schultern gehoben und erklärt, er habe einen Kredit aufgenommen, Mutter habe lediglich bei der Anzahlung geholfen. Einen Monat später prahlte er mit einem sündhaft teuren Gaming-Computer.

Sophias Finger schlossen sich so fest um das Lenkrad, dass die Knöchel weiß hervortraten. Also so war das. Auf ihre Kosten finanzierte Maria Heinrich ihren verwöhnten jüngsten Liebling.

Auf der Heimfahrt ging Sophia jedes Wort des bevorstehenden Gesprächs im Kopf durch. Sie würde nicht schreien. Sie würde keine Szene machen. Wutanfälle waren Schwäche, und Schwäche konnte sie sich nicht leisten. Was sie brauchte, waren Fakten, klare Fragen und Zeugen.

Als sie ihre Wohnung betrat, hörte sie aus der Küche lebhafte Stimmen. Lukas Baumann war offenbar bereits vom Einkaufen zurück, und mit ihm war, wie auf Bestellung, auch Maria Heinrich aufgetaucht. Es roch nach gebratenem Hähnchen. Ihre Schwiegermutter hantierte am Herd, trug Sophias Schürze und bewegte sich mit der Selbstverständlichkeit einer Hausherrin.

„Ach, Sophia ist wieder da!“, rief Maria Heinrich fröhlich aus der Küche.

Sie drehte sich mit einer Salatschüssel in den Händen zu ihrer Schwiegertochter um. „Lukas Baumann und ich haben gedacht, wir machen schnell ein Abendessen. Du siehst ja kreidebleich aus. Ist im Büro etwas passiert?“