Anna trat einen Schritt vor, direkt auf ihre fassungslose Schwägerin zu. Sie schrie nicht mehr. Gerade das machte ihre Stimme so bedrohlich. Sie klang fest, glatt und hart wie Stahl.
„Deine Erholung ist dein Problem. Und das Problem deines Mannes. Sprich mit ihm. Stell eine Babysitterin ein. Bitte eure Mutter. Mach, was du willst. Aber diese Wohnung ist kein kostenloses Kinderparadies. Ausruhen werdet ihr euch woanders.“
Sie fasste Stefanie Weiß am Ellbogen. Nicht grob, aber mit einer Entschlossenheit, der sich die andere unwillkürlich entzog, indem sie rückwärts auf den Treppenabsatz trat. Dann schob Anna den ältesten Jungen, der noch immer halb am Geländer hing, in Richtung seiner Mutter. Den mittleren lenkte sie mit einer knappen Bewegung ebenfalls dorthin. Der Kleinste, durch die plötzliche Veränderung erschreckt, klebte von selbst an Stefanie Weiß’ Bein.
„Stefanie Weiß, geh“, sagte Anna vollkommen ruhig. „Und zwar jetzt.“
Dann wandte sie sich Daniel zu. Er stand noch immer in der offenen Tür, stumm, wie aus dem Geschehen herausgerissen. Anna sah nicht wirklich ihn an, sondern durch ihn hindurch zu seiner Schwester und den Neffen, die sich auf dem Treppenabsatz zusammendrängten.
„Und du …“ Ihre Stimme sank zu einem eisigen Flüstern. „Wenn du so viel Mitleid mit ihr hast, kannst du gleich mitgehen und ihr helfen.“
Nach diesen Worten trat sie in die Wohnung zurück, legte die Hand an die Tür und zog sie zu. Sie fiel nicht krachend ins Schloss, sondern mit einem schweren, dumpfen Schlag.
Damit lag plötzlich eine klare Grenze zwischen ihr und der fassungslos erstarrten Verwandtschaft im Treppenhaus — und auch zwischen ihr und Daniel Winter, der noch immer auf der Schwelle stand, als befände er sich zwischen zwei Leben.
Kaum war die Tür zu, breitete sich eine Stille aus, die fast körperlich weh tat. Nicht die friedliche Ruhe eines Morgens, sondern eine taube, luftleere Stille, wie sie nach einem Unwetter zurückbleibt. Von draußen drang nichts mehr herein. Kein Weinen der Kinder, kein empörter Aufschrei von Stefanie Weiß. Sie waren fort. Anna Lehmann blieb mitten im Flur stehen, aufrecht, mit geraden Schultern und erstaunlich gleichmäßigem Atem. In ihr war kein Triumph. Auch keine Reue. Nur eine kalte, klingende Leere — und darunter ein seltsames Gefühl von Erleichterung, als hätte sie soeben eine Last abgeworfen, die sie seit Jahren mit sich herumgetragen hatte.
Daniel drehte sich langsam zu ihr um. Sein Gesicht hatte jede Farbe verloren, wirkte beinahe aschgrau. Er sah seine Frau an, als stünde nicht Anna vor ihm, seine stille, nachgiebige Anna, sondern eine Fremde, jemand Unberechenbares, beinahe Gefährliches.
„Was. Sollte. Das?“ Jedes Wort presste er einzeln hervor, als müsste er Glassplitter ausspucken.
Anna antwortete nicht sofort. Ohne Eile ging sie an ihm vorbei zurück in die Küche, nahm die längst kalt gewordene Kaffeetasse vom Tisch und goss den Inhalt in die Spüle. Ihre Bewegungen waren ruhig, präzise, fast sachlich.
„Das war meine Antwort, Daniel“, sagte sie schließlich. „Und zwar eine sehr eindeutige.“