Doch Anna Weiß erhob nicht die Stimme.

Ihr Blick glitt zuerst zu ihrem leeren Teller, der grob bis an die Tischkante geschoben worden war. Dann zu dem fettigen Abdruck auf der Holzplatte. Weiter zu Markus Mayer, der demonstrativ ein Stück Fleisch kaute, laut schmatzte und ihr dabei herausfordernd in die Augen sah. Schließlich zu Sebastian, der seinen feigen Blick im Boden eines Plastikbechers versteckte.

In ihr riss nichts. Kein schmerzhafter Stich, kein heißer Kloß im Hals, keine Tränen, die sich hinter den Lidern sammelten. Im Gegenteil. Es war, als hätte jemand eine verrostete, komplizierte Maschine von einer Last befreit, die sie jahrelang knarrend hinter sich hergezogen hatte — die Erwartungen anderer, ihre Ansprüche, ihre Gier. Irgendwo in ihr gaben die Gurte nach. Etwas löste sich. Plötzlich konnte sie atmen, tief und leicht, als hätte man ein Fenster aufgestoßen. Die Welt, in der sie fünf Jahre lang gelebt hatte, zerbrach lautlos in winzige Scherben.

Auf einmal wusste sie es mit einer Klarheit, die fast körperlich war: Es würde sich nie ändern. Sebastian würde sich niemals vor sie stellen. Nie. Er würde immer der kleine Bruder bleiben, der dem selbsternannten Alphatier Markus zu Diensten war. Und sie selbst würde in diesem Familiengefüge immer nur eine Funktion haben. Geldquelle. Köchin. Arbeitskraft. „Dienstmädchen“.

Langsam griff Anna nach der Packung Papierservietten. Sie zog eine heraus und wischte sich die Hände ab, gründlich, Finger für Finger, als beende sie ein Ritual. Dann knüllte sie die Serviette zu einer festen, ordentlichen Kugel und legte sie auf den Tisch.

„Guten Appetit“, sagte sie.

Ihre Stimme war vollkommen eben. Tief, ruhig, ohne Zittern. So sprach ein Mensch, der gerade die wichtigste Entscheidung seines Lebens getroffen hatte.

Sie schob den Stuhl zurück und stand auf.

„Wo willst du hin?“ Sebastian blinzelte verständnislos. In seiner Stimme flackerte erste Unruhe auf. Das Drehbuch, auf das er sich verlassen hatte, funktionierte nicht mehr. Die Ruhe seiner Frau machte ihm weit mehr Angst als jeder Wutausbruch.

„Wahrscheinlich den Kräuterkram waschen!“ Markus brach in ein gröhlendes Lachen aus, den Mund noch voll. „Soll sie ruhig gehen. Sie weiß ja, wo ihr Platz ist.“

Anna würdigte keinen von beiden eines Blickes. Sie drehte sich um und ging über das niedergetretene Gras in Richtung Ferienhäuschen. Die Sonne brannte ihr auf den Rücken. Fünfzehn Augenpaare bohrten sich in ihre Gestalt. Alle warteten darauf, dass sie im Haus verschwand und dort, wie früher so oft, in ein Kissen schluchzte, nachdem man sie bis an die Grenze getrieben hatte.

Aber Anna ging am alten Vorbau vorbei.

Sie steuerte auf den kleinen Holztisch unter dem Apfelbaum zu, auf dem bei der Ankunft jeder achtlos seine Sachen abgeladen hatte. Zwischen billigen Umhängetäschchen, zerkratzten Sonnenbrillen und leeren Zigarettenschachteln lag ihre Ledertasche.

Sie öffnete sie und nahm den schweren Schlüsselbund heraus. Der Anhänger mit dem Autologo blitzte im Sonnenlicht.

Dann holte sie ihr Handy hervor.