Der Sperrbildschirm leuchtete ihr entgegen. Eine kurze Bewegung mit dem Finger, und die Banking-App öffnete sich. Dort stand: „Überweisung 500 € — wartet auf Bestätigung. Verbleibende Zeit: 14 Minuten.“
Anna starrte auf die rote Schaltfläche „Abbrechen“, ohne auch nur zu blinzeln.
Zwei Jahre lang hatte sie sich Geschichten über die schwierige Lage ihres Schwagers angehört. Zwei Jahre voller Ausreden, Mitleidstheater und halber Wahrheiten.
Ihr Daumen senkte sich ruhig und sicher auf das Display.
„Vorgang wirklich abbrechen?“, fragte der Algorithmus der Bank gefühllos nach.
Anna tippte auf „Ja“.
Ein grünes Häkchen erschien. Die Summe sprang augenblicklich auf ihr Konto zurück. Sebastians Familie war soeben um fünfhundert Euro ärmer geworden — und Markus Mayer um eine Kartenschuld, die offenbar bei Leuten offenstand, die nicht dafür bekannt waren, freundlich zu mahnen.
Anna sperrte das Handy und schob es in ihre Tasche.
Der Kofferraum der Illusionen
Sie ging zu ihrem Wagen und drückte auf den Knopf am Schlüssel. Mit einem leisen, vornehmen Summen hob sich die schwere Heckklappe automatisch.
Im Kofferraum standen mehrere große Kühltaschen. Darin lag noch gut die Hälfte der Lebensmittel, die es gar nicht erst auf den Tisch geschafft hatten. Ungeöffnete Packungen mit teurer, mild gesalzener Forelle, die Sebastian so liebte. Zwei Stangen luftgetrocknete Salami. Ein Stück lange gereifter Parmesan. Ein Dutzend Flaschen handgemachte Limonade.
Und vor allem: die Torte.
In einer separaten hohen Thermobox stand ein makelloser Red-Velvet-Kuchen mit Frischkäsecreme und frischen Erdbeeren. Anna hatte die halbe Nacht daran gebacken, eigens für dieses Picknick, weil ihre Schwiegermutter am Vortag herablassend gebeten hatte: „Bring doch noch irgendwas Süßes zum Tee mit. Aber bitte nicht wieder so trocken wie beim letzten Mal.“
Anna betrachtete all das.
Zwanzig Meter entfernt schwoll am Tisch das Stimmengewirr wieder an. Irgendjemand erzählte bereits Anekdoten. Markus erklärte Paul Meier lautstark, dass moderne Autos nur Plastikschrott für Weiber seien.
Sie hatte nicht die geringste Absicht, diesen Menschen noch mehr von dem zu überlassen, wofür sie bezahlt, geplant, getragen, geschnitten, gebacken und geschuftet hatte. Anna nahm ihre leichte Jacke vom Rücksitz und legte sie über die Thermoboxen.
Dann betätigte sie den Knopf an der Heckklappe. Der Mechanismus senkte den Deckel geschmeidig nach unten. Das Einrasten des Schlosses klang wie der Schuss einer Startpistole.
Sie umrundete den Wagen, öffnete die Fahrertür und ließ sich auf den Sitz sinken.
Der Geruch des neuen Innenraums umfing sie sofort: teures Leder, sauberer Kunststoff, eine Spur dezenter Duft. Er trennte sie von der stickigen Wirklichkeit dieses Gartens. Hier drinnen war ihr Kokon. Ihr eigenes Gebiet. Bezahlt mit ihrem Geld, verdient mit ihrer Arbeit, erkämpft mit Blasen an den Händen.
Anna drückte den Startknopf. Der Motor erwachte sanft, beinahe lautlos. Die Armaturen leuchteten auf und tauchten den Innenraum in kühles, angenehmes Licht. Die Klimaanlage sprang an und blies ihr die klebrige Hitze des Sommertages aus dem Gesicht.