Der Wagen schoss durch das quietschende Eisentor der Wochenendhaussiedlung hinaus und jagte über den schmalen Feldweg davon. Zurück blieb nur eine dichte Fahne aus Staub.

Der Weg zurück zu sich selbst

Bis in die Stadt dauerte die Fahrt etwas mehr als eine Stunde.

Laura schaltete Musik ein. Erst leise, dann drehte sie den Regler höher. Ein kräftiger, pulsierender Beat füllte den Innenraum.

Draußen zogen die Landschaften als grün-gelbe Streifen vorbei. Kleine Waldstücke, Felder, einzelne Hofcafés und Imbissbuden am Straßenrand flogen an ihr vorüber. Im Auto dagegen herrschten Ordnung, kühle Luft und ein Geruch, der ihr plötzlich wie Freiheit vorkam.

Erst jetzt, während sie auf das gleichmäßige graue Band des Asphalts blickte, begriff Laura vollständig, was sie gerade getan hatte. Sie zitterte nicht. Sie bekam keinen Anfall, keine Tränen schossen ihr in die Augen, ihr Hals schnürte sich nicht vor Kränkung zusammen. Im Gegenteil. Zum ersten Mal seit vielen Jahren fühlte sie sich lebendig. Als wäre sie aus einem langen, stickigen Schlaf aufgewacht.

Sie dachte daran zurück, wie sie Paul kennengelernt hatte. Damals hatte er fürsorglich gewirkt, so bodenständig, so sehr auf Familie bedacht. Ständig sprach er davon, wie wichtig Zusammenhalt sei. Dass Brüder füreinander da sein müssten. Mit achtundzwanzig hatte sie das für ein Zeichen von Verlässlichkeit gehalten. Sie, die nur mit ihrer Mutter aufgewachsen war, hatte in dieser großen, lauten Familie ihres Mannes einen sicheren Hafen gesehen. Einen Ort, nach dem sie sich immer gesehnt hatte.

Doch der Hafen war in Wahrheit eine Piratenbucht gewesen.

Sie erinnerte sich an ihren ersten wirklich großen Auftrag: eine Hochzeitstorte. Drei Etagen. Dreißig Kilo schwer. Filigrane Zuckerblumen, jede einzelne von Hand geformt. Zwei Tage lang hatte sie damals kaum geschlafen. Ihre Beine hatten so sehr geschmerzt, dass sie kaum stehen konnte. Zum ersten Mal hatte sie mit ihrer Arbeit richtig viel Geld verdient.

Noch am selben Abend hatte Paul es Daniel „geliehen“ — für einen uralten Transporter, mit dem sein Bruder angeblich Lieferfahrten machen und „richtig Kohle verdienen“ wollte. Der Transporter verrottete später hinter dem Wochenendhaus, ohne je eine einzige Tour gefahren zu sein. Das Geld sah Laura selbstverständlich nie wieder.

„Du bist doch nicht kleinlich, Laura, oder? Wir sind doch Familie“, hatte Paul damals gesagt und ihr schuldbewusst auf den Scheitel geküsst.

Und sie hatte ihm geglaubt. Geglaubt, Liebe bedeute Opfer. Geglaubt, gute Ehefrauen hielten aus und unterstützten. Ein Rettersyndrom, vermischt mit der Angst, allein zurückzubleiben.

Sie hatte geschwiegen, wenn ihre Schwiegermutter unangekündigt in der Wohnung auftauchte und mit angewidert verzogenem Mund Staub auf den Schränken suchte. Sie hatte es hingenommen, wenn Sabine Krüger bei jedem Familienessen laut fragte, wann Laura denn endlich „ein Kindchen bekomme, schließlich ticke die Uhr, und immer nur Törtchen im Kopf geht ja auch nicht“. Sie hatte es ertragen, wenn Daniel ohne Vorwarnung vorbeikam, den Kühlschrank öffnete und den teuren Mascarpone aß, den sie für Kundenaufträge gekauft hatte, nur um dann zu sagen: „Für den Bruder wird das ja wohl drin sein, stell dich nicht so an.“