Als beide Hälften fest geworden waren, nahm Sophie ein kleines Stück festen Papiers. Von einem neuen Leben schrieb sie nichts. Stattdessen formulierte sie knapp und sachlich:
„Der Kredit für seinen Ford läuft auf seinen Namen. Drei Jahre lang sind noch jeweils 300 Euro im Monat fällig. Er schnarcht, wenn er auf dem Rücken liegt. Am linken Fuß kommt regelmäßig ein Pilz zurück. Die dumme Ehefrau reicht den Staffelstab weiter. Seine Sachen liegen unten beim Concierge.“
Sie rollte den Zettel eng zusammen. Dann nahm sie ihren goldenen Ehering vom Gewürzregal, legte Ring und Nachricht in eine der Schokoladenhälften und verschloss die Kugel sorgfältig mit geschmolzener Schokolade. Die Überraschung war fertig.
Am Freitagabend wirbelte Markus im Flur herum. Er hatte frische Jeans angezogen und zog gerade seine Jacke über.
„So, ich muss los. Sonst verpasse ich noch den Firmenbus“, sagte er und drückte Sophie einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
„Sag den Kindern, Papa verdient Geld. Am Sonntag gehen wir dann in den Park.“
„In Ordnung. Viel Spaß beim Teambuilding“, erwiderte Sophie mit ruhiger Stimme.
Sie blieb am Fenster stehen, bis sein Wagen aus dem Blickfeld verschwunden war. Erst dann ging sie in die Abstellkammer und holte zwei riesige schwarze Müllsäcke hervor, solche für Bauschutt, jeweils mit einem Fassungsvermögen von 120 Litern.
Im Schlafzimmer öffnete Sophie den Kleiderschrank. Sie ging nicht wütend vor, nicht hektisch, sondern kühl und genau, als stünde eine gründliche Entrümpelung an. Pullover, T-Shirts, Jeans, Socken, Unterwäsche — alles landete im ersten Sack. Seine Turnschuhe und die Winterstiefel folgten ohne Zögern. In den zweiten warf sie die Rasierutensilien aus dem Bad, seine Lieblingstasse mit dem angeschlagenen Henkel, mehrere Ladekabel, lose Unterlagen vom Schreibtisch und die alte Spielkonsole, an der er an Wochenenden stundenlang gesessen hatte.
Als beide Säcke voll waren, zog Sophie die Bänder fest zu.
Dann zog sie sich an. Nicht auffällig, nicht elegant. Sie schlüpfte in bequeme Jeans und einen grauen Pullover, band die Haare zu einem schlichten Pferdeschwanz zusammen. Keine Inszenierung, kein Versuch, wie eine „glamourös verlassene Ehefrau“ zu wirken. Sie hatte lediglich eine Lieferung zu erledigen.
Mit Mühe schleppte sie die Säcke bis zum Aufzug. Anschließend kehrte sie in die Wohnung zurück und holte die Torte. Die schneeweiße Schachtel mit dem durchsichtigen Sichtfenster und der roten Satinschleife sah makellos aus.
Die schwarzen, unförmigen Bündel verstaute Sophie im Kofferraum ihres Kia. Die Tortenschachtel stellte sie vorsichtig auf den Beifahrersitz, als wäre darin etwas Zerbrechliches.
Das Navigationsgerät kündigte achtundvierzig Minuten Fahrzeit an. Die Adresse lag am anderen Ende der Stadt. Sophie lenkte aus dem Hof hinaus und reihte sich in den dichten Abendverkehr ein.
Es ging nur zäh voran. Auf der Brücke hatte sich wegen eines kleinen Unfalls ein Stau gebildet. Sophie saß hinter dem Steuer und wechselte mechanisch zwischen Gas und Bremse. Aus dem Radio drang die gleichförmige Stimme eines Moderators, der in einer Abendsendung über Immobilienpreise sprach. Draußen flimmerten Schaufensterlichter, rote Bremsleuchten zogen sich wie eine Kette durch die Dunkelheit.