Eine Nachbarin, die im Garten nebenan arbeitete, nickte Johanna zu und sagte etwas über die schwüle Luft. Johanna lächelte höflich, obwohl die Worte gar nicht richtig bei ihr ankamen.
Sie ging zurück ins Haus. Finn saß am Fenster und sah hinaus, wie seine Großmutter durch das Gartentor verschwand.
„Mama“, fragte er leise, „ist Oma jetzt böse auf uns?“
Johanna setzte sich neben ihn und legte den Arm um seine schmalen Schultern.
„Nein“, sagte sie sanft. „Es ist nur gerade schwer für sie. Sie hat uns lieb. Sie weiß nur nicht, wie man jemanden gehen lässt.“
Finn nickte ernst und legte den Kopf auf ihren Schoß.
In der Küche hing noch immer der Geruch des Mittagessens. Die Teller standen verlassen da, das Essen war längst lauwarm geworden. Johanna ließ den Blick über den Tisch wandern: In der Salatschüssel steckte noch ein Löffel, in einem Glas war ein Rest Kompott geblieben, eine Serviette lag zerknüllt neben Finns Platz. Alles wirkte, als hätte ein schweres Gespräch den Raum ausgehöhlt.
Einige Minuten später fanden sich alle wieder im Hof ein. Alexander stand am Grill und wendete das Fleisch. Dominik schnitt schweigend Brot in dicke Scheiben. Johanna stellte eine Schüssel mit Tomaten auf den Tisch und holte Finns Saft aus der Küche.
Da erschien Stefanie am Zaun, als wäre nichts vorgefallen.
„Wo ist Finn?“
„Ich bin hier, Oma!“ Finn rannte zu ihr, blieb vor ihr stehen und sah zu ihr hinauf. „Kommst du uns mal besuchen?“
Dominiks Mutter hielt für einen Moment ganz still. Erst sah sie ihren Sohn an, dann Johanna, zuletzt blieb ihr Blick an dem Jungen hängen. Knapp nickte sie.
„Ich komme. Wenn ihr mich einladet.“
Dominik atmete hörbar aus. Johanna sagte nichts dazu. Sie nahm nur die leere Tasse vom Tisch und ging hinein, um Servietten zu holen.
Das Essen zog sich mühsam dahin. Finn erzählte irgendetwas von einer Zeichentrickserie, Alexander fragte nach der neuen Wohnung, nach der Gegend, nach dem Stockwerk. Johanna antwortete sparsam, fast nur mit halben Sätzen.
Irgendwann, während sie beinahe mechanisch das Gemüse auf dem Grill wendete, hörte sie sich selbst sagen:
„Ich bin es leid, mich in diesem Haus wie ein Gast zu fühlen. Ich möchte einfach ein Zuhause haben. Ein eigenes. Und wenn es noch so klein ist.“
Dominik drehte sich zu ihr um und sah sie lange an. Alexander senkte den Blick. Stefanie schwieg.
Nach dem Mittagessen ging Johanna ins Haus, um die restlichen Sachen zusammenzupacken. Sie legte Handtücher ordentlich übereinander, schraubte das Marmeladenglas zu, wischte die Spüle aus. Dann blieb sie am Fenster stehen, ohne wirklich hinauszusehen.
Während sie weiter einräumte, hörte sie hinter sich Schritte. Stefanie schaute ins Zimmer, so beiläufig, als habe sie sich nur zufällig dorthin verirrt.
„Die Marmelade vergesst ihr besser nicht. In dem Glas ist noch etwas drin. Wäre schade, wenn sie schlecht wird.“
Johanna wandte sich um und nickte. Doch ihre Schwiegermutter blieb in der Tür stehen.
„Also wollt ihr jetzt ganz nach euren eigenen Regeln leben, ja? Nun gut. Wundert euch nur nicht, wenn es dann keinen Weg zurück gibt. Wenn ihr geht, dann geht auch richtig.“