Es waren immer dieselben Klagen, abgenutzt wie eine alte Schallplatte. Der Blutdruck. Der Rücken. Die Rente, die hinten und vorne nicht reichte. Die Nachbarn, alle unverschämt. Die Nichte Lucy, undankbar bis ins Mark. Und natürlich, jedes Mal gegen Ende, der Satz, wie schwer es doch sei, ganz allein zu sein.
Moritz hörte zu, nickte und sah Hannah dann erwartungsvoll an. Dieser Blick bedeutete: Na los. Tu etwas. Biete ihr etwas an. Mach ihr Essen.
Hannah tat es. Sie deckte den Tisch, stellte Teller hin, räumte später die Tasse weg, ertrug Andreas schweigendes Mustern, ertrug die Ratschläge zu ihrer Frisur — „immer nur dieser Pferdeschwanz, Kind“ — und auch die Fragen nach Kindern: Wann denn endlich, warum sie so lange warteten, Moritz sei doch in einem Alter, in dem er eine Familie brauche.
Doch Geduld zerbricht manchmal nicht mit einem Knall. Manchmal ist sie einfach aufgebraucht. Ganz still. Wie ein Tank, der irgendwann leer ist.
Der Abend, an dem es geschah, begann völlig gewöhnlich. Hannah kam kurz nach sechs nach Hause, stieg in den vierten Stock, suchte den Schlüssel aus der Tasche — und hörte schon durch die Wohnungstür Stimmen. Moritz. Und noch jemand. Eine Frauenstimme, die ihr fremd war.
Sie trat ein.
Direkt im Flur, gegenüber der Tür, stand eine Frau von ungefähr fünfundvierzig Jahren. Kräftig gebaut, blaue Jacke, ein Fleck auf dem Ärmel, das Gesicht zu einer Miene äußerster Unzufriedenheit verzogen. Neben ihr drückten sich ein Mädchen von etwa sieben Jahren und ein etwas älterer Junge aneinander. Beide waren still, verschreckt, in ähnlichen grauen Jacken.
Moritz lehnte an der Wand. Schuldbewusst. Klein. Vermutlich hatte er als Kind genau so ausgesehen, wenn er etwas kaputt gemacht hatte.
— Ah, da ist sie ja, — sagte die Frau. Ihre Stimme war scharf und klang nach jemandem, der Streit gewohnt war. — Du bist also Hannah. Hallo. Ich bin Emilia, Moritz’ Schwester. Wir sind gekommen.
— Gekommen, — wiederholte Hannah langsam, noch ohne zu begreifen.
— Für immer, — ergänzte Emilia und sah dabei merkwürdigerweise nicht Hannah an, sondern Moritz. — Das war doch so abgesprochen. Du hast es ihr doch gesagt.
Moritz murmelte etwas Unverständliches. Es klang nach: „Na ja, ich dachte…“
Hannah wandte sich langsam zu ihrem Mann um. Er betrachtete seine Turnschuhe.
Emilia bewegte sich inzwischen bereits durch den Flur, ganz so, als ziehe sie tatsächlich ein. Sie sah in die Ecken, warf einen Blick in Richtung Küche, musterte den Grundriss.
— Die Kinder nehmen euer zweites Zimmer, — erklärte sie sachlich. — Da steht doch ein Sofa, das habe ich beim letzten Mal gesehen. Ich bleibe vorerst bei Mama, aber du verstehst ja: Ihre Einzimmerwohnung ist viel zu eng. Ihr seid verheiratet, eingerichtet, habt Platz. Hannah, du begreifst das doch.
Das war keine Frage. Es war eine Feststellung.
— Du bist verpflichtet, meine Kinder mitzuversorgen! — fügte Emilia hinzu, und nun wurde ihre Stimme fest, beinahe feierlich, als lese sie eine amtliche Verfügung vor. — Du bist in diese Familie gekommen. Also bist du auch für alle mitverantwortlich.