Am anderen Ende entstand eine Pause. Danach wechselte Andrea den Ton. Leiser nun, beinahe weich, mit dieser vorsichtigen Annäherung, die nachgeben vortäuschen sollte.

— Ach, Hannah, jetzt tu doch nicht so, als wärst du eine Fremde. Emilia hat es schwer. Allein mit den Kindern, der Mann ist weg. Du bist doch selbst eine Frau, du müsstest das doch verstehen…

Hannah hörte diesem Wechsel zu und dachte: Da ist es. Erst Druck, dann Mitleid. Ganz klassisch. Wie aus einem Lehrbuch.

— Ich verstehe, dass es für sie schwer ist, — sagte sie. — Aber das macht es nicht zu meiner Verantwortung.

Sie beendete das Gespräch selbst. Nicht mit einer dramatischen Geste, nicht wütend — sie tippte einfach auf das rote Symbol.

Moritz sagte an diesem Abend kein Wort mehr zu ihr. Er saß im Wohnzimmer, wischte auf seinem Handy herum und tat mit auffälliger Beharrlichkeit so, als sei sie gar nicht da. Später verschwand er ins Schlafzimmer, legte sich hin und drehte ihr den Rücken zu, das Gesicht zur Wand.

Hannah räumte den Tisch ab, löschte in der Küche das Licht und blieb noch eine Weile am Fenster stehen. Unten lag der Hof bereits fast vollständig in Dunkelheit. Nur eine Laterne schwankte im Wind und warf zerrissene, orangefarbene Flecken über den nassen Asphalt.

Sie dachte an Emilia. Daran, wie sie mit der Tasche in den Händen in der Wohnung gestanden hatte, völlig überzeugt davon, dass alles genau nach ihrem Plan laufen würde. Sie dachte an Andrea, die ihre Stimme wechselte, als schalte sie bei einem Auto die Gänge hoch und runter. Und an Moritz, der gestern im Flur geschwiegen hatte, während seine Schwester ihre angeblichen Rechte verkündete.

Keiner von ihnen hatte sie gefragt. Kein einziges Mal. Nicht einmal nach irgendetwas.

Hannah klappte den Laptop auf, öffnete die Seite eines Immobilienportals und betrachtete lange die Anzeigen. Einzimmerwohnungen, kleine Studios, Mietangebote. Stadtteile, die sie bisher kaum ernsthaft in Betracht gezogen hatte.

Die Zahlen waren machbar.

Diese Erkenntnis traf sie beinahe unerwartet: Plötzlich war alles erschreckend konkret. Keine vage Fantasie, keine gekränkte Trotzreaktion, keine Angst. Nur Zahlen, Adressen, Grundrisse, Möglichkeiten.

Sie schloss den Laptop wieder. Nicht, weil sie ihre Meinung geändert hätte. Sondern weil es keinen Grund gab, sich zu überstürzen.

Warten konnte sie. Rechnen ebenfalls.

Der nächste Morgen begann mit dem Klingeln an der Wohnungstür.

Hannah hatte ihren Kaffee noch nicht einmal ausgetrunken. Sie stand mit der Tasse am Fenster und sah zu, wie der Hausmeister unten im Hof nasses Laub zusammenkehrte. Gleichmäßig, geduldig, ohne Eile. Die Blätter wurden vom Wind wieder auseinandergetrieben, er zog sie erneut zusammen. An dieser monotonen Bewegung lag fast etwas Beruhigendes.

Dann schrillte es an der Tür — kurz, hart, ungeduldig.

Sie stellte die Tasse ab und ging öffnen.

Vor der Tür standen sie alle drei: Andrea in ihrem beigen Mantel, den sie nur zu besonderen Anlässen trug; Emilia mit den Kindern — der Junge hielt einen Rucksack fest, das Mädchen drückte sich an die Mutter. Und ein Stück dahinter Moritz, mit der Miene eines Menschen, den man zur Hinrichtung führt. Offenbar hatte er bereits Bescheid gewusst. Offenbar war alles abgesprochen. Offenbar hatte er ihnen unten die Haustür geöffnet.