— Wir müssen reden, — sagte Andrea in einem Ton, der keinerlei Widerspruch vorsah. — Als Familie.

Hannah musterte diese kleine Abordnung. Moritz wich ihrem Blick aus. Emilia sah sie herausfordernd an, doch in ihren Augen lag etwas Nervöses, Erwartungsvolles. Die Kinder hatten mit all dem nichts zu tun; man hatte sie lediglich mitgebracht wie ein besonders überzeugendes Argument.

— Bitte, — sagte Hannah und trat zur Seite.

Sie verteilten sich im Wohnzimmer. Andrea nahm im Sessel Platz, kerzengerade, als leite sie eine Sitzung. Emilia setzte sich aufs Sofa, die Kinder dicht neben sich. Moritz blieb an der Wand stehen, halb angelehnt, und seine ganze Haltung sagte: Ich gehöre hier eigentlich nicht dazu, ich stehe nur zufällig hier.

Hannah setzte sich ihnen gegenüber. Ruhig. Die Hände auf den Knien.

Andrea begann weit ausholend. Sie sprach von familiärem Zusammenhalt, davon, dass früher mehrere Generationen unter einem Dach gelebt hätten, ohne sich ständig zu beklagen, und von irgendeiner Tante, die angeblich fünf Kinder in zwei Zimmern großgezogen hatte. Hannah hörte zu. Sie unterbrach sie nicht.

Erst nach einer Weile kam Andrea zum eigentlichen Punkt.

— Emilia kann nirgendwohin. Du siehst es doch selbst: zwei Kinder, ganz allein. Wir verlangen ja nichts Unmögliches. Nur vorübergehend, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hat.

— Vorübergehend heißt wie lange? — fragte Hannah.

Andrea stockte einen Moment.

— Na ja… vielleicht ein Jahr. Vielleicht ein bisschen länger.

— Ein Jahr, — wiederholte Hannah. Ohne Betonung. Nur das Wort.

— Hannah, — mischte sich Emilia ein. Ihre Stimme klang jetzt anders als am Vortag, nicht mehr so fordernd, sondern beinahe verletzt. — Schau dir doch die Kinder an. Sie brauchen eine normale Umgebung. Die Schule ist in der Nähe, alles wäre praktisch. Ich finde Arbeit, ehrlich. Nur im Moment…

— Emilia, — unterbrach Hannah sie leise, — gestern hast du gesagt, ich sei verpflichtet, deine Kinder mit zu versorgen. Erinnerst du dich?

Ein Muskel zuckte in Emilias Wange.

— Ich war eben aufgebracht.

— Nein, — sagte Hannah. — Genau das hast du gemeint. Und deine Mutter meint es auch. Und Moritz, der euch hergebracht hat, ohne mich vorher auch nur zu fragen, ebenfalls.

Moritz löste sich ein wenig von der Wand und begann etwas davon zu murmeln, dass er doch nur das Beste gewollt habe, dass Familie nun einmal zusammenhalten müsse, dass Hannah viel zu…

— Moritz, — sie wandte sich ihm zu, — weißt du eigentlich, dass ich mir an zwei Abenden Wohnungen angesehen habe?

Im Raum wurde es still. Wirklich still. Nur die Kinder bewegten sich leise auf dem Sofa, ohne zu begreifen, was gerade geschah.

Andrea verengte die Augen.

— Was soll das heißen, Wohnungen?

— Zum Mieten, — erklärte Hannah schlicht. — Ich arbeite. Geld ist da. Und Wohnungen in der Stadt auch.

Damit hatten sie nicht gerechnet. Alles Vorherige — das neue Schloss, die verschlossene Tür, das Telefonat — hatten sie noch als Widerspenstigkeit betrachtet, als Laune, die man aussitzen oder brechen konnte. Doch das hier war etwas anderes. Das war kein Protest mehr, sondern ein Plan.