Er merkte nicht einmal, dass er damit das Wichtigste ausgesprochen hatte. Unser Sohn war für ihn kein Kind, das er großziehen wollte. Er war der Hebel, mit dem er mir die Luft abschnüren konnte.

Charlotte beugte sich zu ihrer Tasche hinunter und zog eine Plastiktüte hervor. Darin lagen genau jene Schuhe: Sie hatte sie am vergangenen Sonntag mitgenommen, als Lukas bei ihr gewesen war. Ich hatte geglaubt, sie habe nur vergessen, sie mir zurückzugeben.

„Damit lässt du ihn herumlaufen“, sagte sie und stellte die Schuhe neben sich auf den Hocker. „Die zeigen wir der Richterin.“

Sie waren staubig, ausgetreten, von Streusalz bräunlich verfärbt. Lukas hatte den ganzen Winter darin verbracht und war im Frühling damit durch jede Pfütze geschlurft.

Ich verließ die Küche, stieg im Flur auf einen Stuhl und holte die karierte Reisetasche vom oberen Schrankfach herunter.

„Was soll das werden?“, fragte Daniel aus dem Flur.

„Ich packe.“

„Für wen?“

„Für Lukas.“

Ich legte T-Shirts hinein, eine zweite Hose, den Schlafanzug mit den Motorrädern, Halstabletten, Hausschuhe in einem Beutel. Charlotte stellte sich in die Tür und nahm mir das Licht.

„Hannah, stell dich nicht so dumm an.“

„Nehmt ihn mit“, sagte ich, ohne mich umzudrehen. „Ganz. Nicht nur über die Feiertage, nicht fürs Wochenende. Ganz.“

Daniel lachte, aber nur mit einer Gesichtshälfte.

„Mach hier keine Szene.“

„Das ist keine Szene. Lass deinen Antrag beim Gericht, wo er ist. Nimm ihn nicht zurück.“ Ich zog den Reißverschluss der Tasche zu und richtete mich auf. „Nur wirst du im Juni allein zur Verhandlung gehen. Du wirst allein die Bescheinigung von der Arbeit vorlegen. Du wirst allein das Jugendamt in deine Wohnung lassen. Und ich werde kommen und der Richterin sagen, wie es ist: dass der Junge bei dir lebt und dass ich ihn zurückhaben will.“

„Gibst du ihn mir jetzt oder nicht?“

„Ich gebe ihn dir. Aber ich unterschreibe nichts. Es gibt kein Papier, mit dem eine Mutter ihren Sohn auf den Vater überschreibt. Ich habe mich erkundigt.“

Er schwieg.

„Und noch eine Bedingung, Daniel. Du selbst. Nicht deine Mutter, nicht Marie, nicht irgendeine Nachbarin. Du weckst ihn morgens, du bringst ihn in den Kindergarten, du holst ihn um sechs wieder ab, du gurgelst mit ihm, wenn der Hals kratzt, und du kaufst ihm Schuhe. In seiner Größe.“

„Was redest du da für einen Unsinn?“

„Und ich komme ihn nicht abholen. Wenn du ihn zurückgeben willst, bringst du ihn selbst.“

Charlotte schlug die Hände zusammen.

„Und so etwas nennt sich Mutter. Gibt das Kind weg wie einen Koffer. Ich habe es dir gesagt, Daniel: nutzlos.“

Ich drehte mich zu ihr um.

„Charlotte, Sie wollten doch, dass Ihr Enkel bei Ihnen aufwächst. Dann nehmen Sie ihn.“

Da sagte Daniel genau das, was ich bereits wusste.

„Meine Mutter hat versprochen, die Unterlagen im Juni fertigzumachen. Ich tue das übrigens für den Jungen. Er bekommt dort ein eigenes Zimmer.“

„Ich weiß“, antwortete ich. „Marie hat es mir erzählt. Vom Notar. Und von Ostern.“

Er sah seine Mutter an. Seine Mutter sah zum Fenster hinaus. Danach kam alles so, wie ich es am Anfang erzählt habe: die Tasche im Flur, die Nachbarin mit dem Eimer auf dem Treppenabsatz und Lukas’ Rucksack, den er selbst zugemacht hatte.