Lea wandte sich zu ihnen allen um. Ihre Stimme war kalt wie Eis.

— Deine Verwandten werden meine Wohnung nie wieder betreten.

Es wurde still, so still, als hätte jemand die Luft aus dem Flur gesogen. Emilia öffnete den Mund, brachte aber keinen Ton heraus. Andrea presste sich eine Hand an die Brust. Florian räusperte sich und tat plötzlich so, als müsse er dringend ins Bad.

— Lea, was ist denn in dich gefahren? — Jonathan wollte nach ihrer Hand greifen.

Sie wich zurück.

— Ich meine jedes Wort. Entweder sie gehen sofort, oder ich gehe — und reiche die Scheidung ein. Du entscheidest.

— Scheidung?! Weswegen denn bitte? — Jonathan wurde blass. — Lea, du bist völlig außer dir! Das ist doch absurd!

— Absurd ist, dass ich seit fünf Tagen in meiner eigenen Wohnung wie eine Dienstmagd lebe und mein Mann darin kein Problem sieht. Absurd ist, dass deine Mutter mich mit deiner Exfrau vergleicht. Absurd ist, dass ich von meinem eigenen Geld Schönheitssalons für Menschen bezahle, die sich nicht einmal bedanken.

— Wir haben uns bedankt! — fuhr Emilia auf.

— Nicht ein einziges Mal. — Lea sah ihr direkt in die Augen. — Kein. Einziges. Mal. In. Fünf. Tagen.

Eine schwere, drückende Stille legte sich über alle. Jonathan ließ den Blick hin und her springen: von seiner Frau zu seiner Mutter, von der Mutter zu seiner Schwester. Sein Gesicht wirkte ratlos, fast bemitleidenswert.

— Lea… wie soll ich sie denn hinauswerfen? Sie sind meine Familie. Sie sind von weit her gekommen.

— Und ich? — fragte Lea leise. — Wer bin ich dann?

— Du… du bist meine Frau.

— Dann benimm dich wie ein Ehemann. Beschütze mich. Stell dich an meine Seite. Oder ich gehe, und du kannst bei deiner Familie bleiben.

Andrea trat einen Schritt vor.

— Jonathan, mein Junge, du wirst doch nicht zulassen, dass diese… diese undankbare Person so mit uns redet? Wir haben dich großgezogen, wir haben dir alles gegeben! Und sie setzt uns vor die Tür!

Jonathan atmete schwer ein, sah seine Mutter an und sagte: — Mama, hör auf.

Jonathan hob die Hand, als wolle er die nächsten Worte seiner Mutter in der Luft abfangen. Dann wandte er den Blick zu Lea. Zum ersten Mal seit Tagen lag in seinen Augen etwas, das nicht nach Ausweichen aussah, sondern nach Begreifen.

— Lea… würdest du wirklich gehen?

— Ich bin schon dabei, zu gehen. Die einzige Frage ist, ob für ein paar Tage oder für immer.

Er sagte nichts.

Eine Sekunde verging. Dann noch eine. Fünf. Zehn.

Lea legte die Hand auf die Türklinke und zog die Tür auf.

— Warte, — sagte Jonathan plötzlich.

Sie blieb stehen, ohne sich sofort umzudrehen.

Jonathan sah zu seinen Verwandten. Sein Gesicht war bleich, doch seine Stimme klang fest.

— Mama. Emilia. Florian. Ihr müsst gehen. Morgen früh.

— Was?! — Andrea stieß den Laut so schrill aus, dass Lea zusammenzuckte. — Bist du völlig verrückt geworden? Du entscheidest dich gegen deine eigene Mutter und für sie?

— Ich entscheide mich für meine Familie, — erwiderte Jonathan hart. — Für Lea. Für meine Frau.

— Jonathan, mein Schatz!

— Nein, Mama. Diesmal nicht. Lea hat recht. Ihr seid unangekündigt hier aufgetaucht, habt euch benommen, als würde euch alles gehören, habt Forderungen gestellt, Befehle gegeben — und kein einziges Mal Danke gesagt. Ich habe mir eingeredet, das sei normal. Dass man Verwandten eben hilft. Aber das hier war keine Hilfe mehr. Das war Ausnutzen.