Karoline saß gerade über der Kostenaufstellung eines laufenden Projekts. Julia Hartmann schritt zwischen den Arbeitsplätzen der Designer hindurch wie eine Königinmutter bei der Truppeninspektion.

— Da ist ja unsere Zauberin! — rief die Schwiegermutter so laut, dass sie sogar das Surren der Plotter übertönte. — Karolinchen, wir stören nur ganz kurz! Wir haben da Fliesen fürs Bad entdeckt, und jetzt brauchen wir dringend dein professionelles Okay.

Emilia wedelte begeistert mit einem Katalog italienischer Keramik. Der Quadratmeterpreis der ausgesuchten Fliesen lag ungefähr auf Höhe ihrer monatlichen Kreditrate.

Karoline deutete stumm zur Besprechungsecke. Der Raum besaß eigentlich eine hervorragende Schalldämmung. Zumindest hatte sie das bis zu diesem Vormittag geglaubt.

— Tee? Kaffee? — fragte sie höflich, während sie die Tür hinter ihnen sorgfältig schloss.

— Ach, mach dir doch keine Umstände, wir kommen gleich zur Sache, — winkte Julia Hartmann ab und ließ sich mit der Miene einer Hausherrin am Kopfende des Tisches nieder. — Emilia, zeig ihr die Entwürfe. Karoline sortiert uns das jetzt schnell.

Emilia breitete die Magazine mit all ihren eingeklebten Merkzetteln auf dem Tisch aus.

— Karolinchen, ich möchte ein Bad im Loft-Stil, aber bitte mit Goldakzenten. Und Fußbodenheizung überall. Die Küche soll ein bisschen Provence sein, nur eben modern. Du zeichnest mir das doch, oder? Mama hat gesagt, für dich sei das eine Sache von fünf Minuten.

Karoline warf keinen Blick in die Hefte. Stattdessen zog sie eine Schublade auf, nahm ein blankes Vertragsformular für Designleistungen heraus und legte es direkt auf Emilias goldverzierte Loft-Träume. Daneben platzierte sie einen schweren Metallkugelschreiber mit dem Logo ihres Büros.

— Natürlich zeichne ich das, Emilia, — sagte sie mit ruhiger Stimme. — Ich weiß euer Vertrauen in meine Fähigkeiten wirklich zu schätzen. Genau deshalb gibt es für die Familie bei mir besondere Konditionen.

Julia Hartmann nickte zufrieden und sah ihre Tochter ermunternd an, als wolle sie sagen: Siehst du, so geht man mit Menschen um.

Karoline zog den Taschenrechner zu sich heran und tippte ein paar Zahlen ein.

— Ein vollständiger Entwurf, — erklärte sie sachlich, — umfasst ungefähr vierzig Planseiten. Elektroplanung, Sanitäranschlüsse, Wandabwicklungen, Materiallisten, Lichtkonzept, Möblierung. Für dich, Emilia, rechne ich den eigentlichen Planungsteil mit vierzig Prozent Familienrabatt ab. Das ist wirklich großzügig. So einen Nachlass bekommst du in keinem einzigen Büro der Stadt. Die künstlerische Bauüberwachung allerdings, also meine Fahrten zur Baustelle und die Kontrolle eurer Handwerker, läuft nach regulärem Honorar. Meine persönliche Arbeitszeit kann ich nicht verschenken.

Sie drehte den Taschenrechner so, dass die beiden Besucherinnen das Display sehen konnten.

— Insgesamt wären das zweitausendachthundert Euro. Der Vertrag liegt vor dir. Ihr zahlt fünfzig Prozent an, und ich nehme euch für Mai fest in meinen Kalender auf.

Für einen Moment wurde es im Besprechungsraum vollkommen still. Emilias Lächeln erlosch, als hätte jemand das Licht ausgeknipst. Verunsichert sah sie zu ihrer Mutter hinüber, in den Augen ein Ausdruck zwischen Panik und beleidigter Hilflosigkeit.