Julia Hartmann dagegen verwandelte sich in Sekundenschnelle. Die gütige Familienpatronin war verschwunden. Auf dem Sessel saß nun eine Frau, die sich bis ins Mark gekränkt fühlte, als hätte man ihr gerade vor allen Leuten die Suppe versalzen. Sie holte tief Luft. Die Schallschutzwände des Konferenzraums hatten keine Chance.
— Vertrag?! — Ihre Stimme schoss in eine Höhe, bei der hinter der Glaswand mehrere Designerinnen gleichzeitig von ihren Bildschirmen aufsahen. — Du legst der Schwester deines Mannes einen Vertrag hin? Um Himmels willen, Karoline!
Mit großer Geste presste Julia eine Hand auf ihre Brust.
— Und wir erzählen überall, was für ein großzügiger Mensch du bist! Wie selbstlos! Die ganze Verwandtschaft hat auf dich angestoßen! Heißt das etwa, deine „goldenen Hände“ arbeiten nur dort, wo es nach Geld riecht?
Emilia begann leise zu schluchzen und tupfte sich theatralisch mit dem Ärmel unter die Augen.
— Mama, ich hab es doch gesagt… Wir sind niemandem wichtig. Dann klebe ich die Tapeten eben selbst…
— Warte, Emilia! — Julia riss dramatisch die Hand hoch, ohne den wütenden Blick von ihrer Schwiegertochter zu nehmen. — Ich möchte diesem Menschen erst noch in die Augen sehen! Familie ist für dich also nur ein Geschäft, ja, Karoline? Blutsverwandtschaft ist für dich eine Gelegenheit, Kasse zu machen? Felix wird bitter enttäuscht sein, wenn er erfährt, wen er sich da ins Haus geholt hat! Dabei haben wir dich immer so gelobt…
Karoline schwieg.
Sie beobachtete diese Darbietung und erkannte sehr genau, wie das Ganze funktionierte. Ihre Schwiegermutter spielte wieder für ein Publikum. Nur bestand die Kulisse diesmal nicht aus einem festlich gedeckten Tisch, sondern aus Glaswänden, Kollegen und der erstarrten Stille eines Büros. Die Rechnung war simpel: Karoline sollte Angst vor einem Auftritt an ihrem Arbeitsplatz bekommen, sich wegen ihrer angeblichen Geldgier schämen, den Vertrag zerreißen und feierlich versprechen, alles kostenlos zu erledigen.
In diesem Augenblick verstand sie: Wenn sie jetzt offen widersprach, würde man sie zur Schuldigen machen. Also musste sie Julia mit deren eigenen Mitteln eine Lektion erteilen.
— Julia Hartmann, Emilia, — Karoline lächelte sanft, fast zärtlich, und zog den Vertragsbogen wieder an sich. — Aber nein. Da habt ihr mich völlig missverstanden. Das war doch nur ein Scherz.
Julia verstummte mitten im Satz. Emilia hörte auf zu schniefen.
— Ein Scherz? — fragte die Schwiegermutter misstrauisch und ließ die Hand vorsichtshalber noch auf dem Herzen liegen.
— Natürlich! — Karoline schlug erfreut die Hände zusammen. — Wie könnte es denn zwischen uns ums Geld gehen? Alles wird wunderschön, das verspreche ich euch. Ich habe schon eine Idee. Ihr werdet begeistert sein, absolut begeistert. Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich muss zu einer Objektabnahme.
Höflich, aber ohne ihnen noch Raum für weitere Szenen zu lassen, begleitete sie die beiden zur Tür. Julia Hartmann ging wie eine Siegerin hinaus und trug die Zeitschriftenmappe wie eine Trophäe vor sich her. Sie war überzeugt, ihre Schwiegertochter in die Knie gezwungen zu haben.