Am Sonntag darauf fand das übliche Familienessen im Wochenendhaus der Schwiegermutter statt. Auf dem Tisch stapelten sich gegrilltes Fleisch, Schüsseln mit Salaten, Brot, Soßen und Platten mit Gemüse. Die Veranda vibrierte vom Stimmengewirr der Verwandtschaft. Julia Hartmann saß am Kopfende und strahlte wie eine satte Anakonda, die soeben eine Antilope verdaut hatte. Immer wieder warf sie Karoline triumphierende Blicke zu. Emilia rutschte ungeduldig auf ihrem Stuhl hin und her und erwartete offenbar sehnsüchtig ihre kostenlosen Skizzen. Felix Werner kaute gut gelaunt auf einem Stück Fleisch herum, überzeugt davon, dass der Familienfrieden wiederhergestellt sei.
Als der Hauptgang abgeräumt war, klopfte Julia mit der Gabel gegen ihr Glas.
— Also, meine Lieben! — verkündete sie mit einem leuchtenden Lächeln. — Ich glaube, jetzt ist der Moment für unsere wichtigste Überraschung gekommen. Unsere Karoline hat versprochen, Emilia heute die ersten Schritte in ihr neues, schönes Leben zu zeigen! Karoline, du hast das Wort!
Alle Augen richteten sich auf die Schwiegertochter. Karoline tupfte sich in aller Ruhe die Finger mit der Serviette ab. Dann erhob sie sich, strich ihr Kleid glatt und nahm ihr Glas mit Saft in die Hand.
— Danke, Julia Hartmann. Sie haben völlig recht, ich habe tatsächlich eine Überraschung vorbereitet. Bevor wir aber zu den Skizzen kommen, möchte ich etwas Wichtiges sagen.
Sie ließ den Blick über die plötzlich still gewordene Runde gleiten.
— Beim letzten Mal, auf Onkel Heinrich Becks Jubiläum, haben Sie so viele schöne Worte über meine Hilfsbereitschaft gefunden. Aus reiner Bescheidenheit haben Sie dabei jedoch das Entscheidende verschwiegen: Ihre eigene, wirklich unglaubliche Großzügigkeit.
Julia runzelte irritiert die Stirn. Dieser Ablauf stand offensichtlich nicht in ihrem Drehbuch.
— Sie müssen verstehen, — Karolines Stimme klang hell vor ehrlicher Bewunderung.
— ein vollständiges Gestaltungskonzept samt Bauaufsicht ist eine ungeheure Arbeit. Das bedeutet, dass ich ein halbes Jahr lang praktisch keine freien Wochenenden mehr haben werde. Ich werde Staub und Zement einatmen, mich mit Installateuren herumärgern und mehr Zeit auf der Baustelle verbringen als zu Hause. Und unsere liebe Julia Hartmann hat natürlich sofort begriffen, dass meine eigene Familie darunter auf keinen Fall leiden darf!
Karoline legte eine wirkungsvolle Pause ein. Auf der Veranda war es so still geworden, dass man das Summen einer Wespe über der Schale mit Wassermelone hören konnte.
Dann lächelte sie strahlend.
— Julia Hartmann hat deshalb auf einer wirklich großartigen Entschädigung bestanden! — verkündete sie feierlich und sah ihrer Schwiegermutter direkt in die vor Schreck weit aufgerissenen Augen. — Damit ich völlig unbesorgt und selbstverständlich kostenlos auf Emilias Baustelle arbeiten kann, überlässt sie Felix und mir für den ganzen Sommer dieses herrliche Ferienhaus zur freien Nutzung. Und das ist noch nicht alles! Sie nimmt außerdem unsere vierjährigen Zwillinge für alle drei Monate zu sich in ihre stickige Stadtwohnung. Sie kümmert sich um die Kinder, während ich Emilia rund fünftausend Euro spare!