Er schwieg.
„Warst du ihrer Meinung?“
„Nein.“
„Warum hast du ihr dann nicht einfach klipp und klar gesagt, dass das nicht infrage kommt?“
Es dauerte einen Moment, bis er antwortete.
„Sie meinte, Emma Huber würde wahrscheinlich nie wieder so eine Chance bekommen, eine Wohnung zu kaufen.“
Ich nickte langsam.
„Und meine Eltern? Bekommen die auch irgendwann noch eine zweite Chance, ihr eigenes Leben zu leben?“
Er hob den Blick.
Diesmal hatte er nichts zu erwidern.
Zwei Wochen später erhielten meine Eltern die Schlüssel zu ihrer Wohnung. Ich fuhr mit ihnen hin, als sie sie zum ersten Mal wirklich betraten, als gehöre sie nun zu ihnen.
Die Räume waren noch fast leer.
Im Wohnzimmer standen nur ein kleiner Klapptisch, vier Stühle und zwei Umzugskartons.
Aber als meine Mutter die Balkontür öffnete, lag auf ihrem Gesicht ein Lächeln, das ich nie vergessen werde.
Man hörte die Möwen.
Und in der Ferne, zwischen zwei Häusern hindurch, schimmerte das Meer.
Mein Vater legte ihr den Arm um die Schultern.
„Na?“, fragte er. „Rausgeworfenes Geld?“
Meine Mutter lachte laut auf.
„Absolut.“
Drei Monate später verbrachten sie dort ihren ersten Sommer.
Und dann geschah etwas, das beinahe komisch war.
Emma Huber fand schließlich doch eine Wohnung.
Sie war kleiner als die, von der sie ursprünglich geträumt hatte, aber sie passte genau zu ihrem Budget.
Sie bekam einen Kredit.
Christina Engel half ihr mit einem Teil des Eigenkapitals.
Und Noah König lieh ihr aus seinen eigenen Ersparnissen noch eine kleinere Summe, nachdem er vorher mit mir darüber gesprochen hatte.
Die dreißigtausend Euro meiner Eltern brauchte am Ende niemand.
An einem Sonntag waren wir alle bei ihnen an der Küste. Sogar Christina Engel kam mit.
Nach dem Essen trat sie auf den Balkon hinaus und betrachtete die Aussicht.
„Vielleicht war es doch keine so schlechte Idee, hier eine Wohnung zu kaufen“, sagte sie.
Meine Mutter und ich sahen uns an.
Dann lächelte meine Mutter.
„Nein. Das war es nicht.“
Christina Engel nickte.
„Und wenigstens bleibt sie später in der Familie.“
Das Lächeln verschwand aus dem Gesicht meiner Mutter.
Ich hielt beinahe den Atem an.
Dann sagte sie vollkommen ruhig:
„Vielleicht.“
Christina Engel drehte sich zu ihr um.
„Was soll das heißen, vielleicht?“
Meine Mutter hob gelassen ihre Kaffeetasse an.
„Wir haben unser Leben lang gearbeitet. Und dabei haben wir etwas sehr Wichtiges gelernt: Solange wir leben, ist das, was uns gehört, noch niemandes Erbe.“
Diesmal lächelte sogar Noah König.
Und ich auch.
Denn endlich hatte es jeder verstanden.
Meine Eltern hatten nicht einfach nur eine Wohnung gekauft.
Sie hatten sich endlich etwas erlaubt, das sie viel zu lange aufgeschoben hatten:
das Recht, ihr eigenes Leben zu genießen, ohne irgendwen um Erlaubnis bitten zu müssen.