Sie verließ die Wohnung, ohne noch einmal zurückzublicken. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, hart und endgültig, als wäre nicht nur ein Raum, sondern ein ganzer Abschnitt ihres gemeinsamen Lebens geschlossen worden. Lukas blieb mitten im Flur stehen, hilflos, leer, wie jemand, dem man gerade den Boden unter den Füßen weggezogen hatte.
Johanna kam aufgebracht aus dem Wohnzimmer.
„Siehst du? Siehst du, wie deine Frau ist? Sie will mich aus dem Haus werfen!“
„Mama“, sagte Lukas leise.
Sein Blick hing noch immer an der geschlossenen Tür.
„Emilia hat recht. Ich hätte nicht zulassen dürfen, dass du einfach hier einziehst. Und ich hätte sie vorher fragen müssen. Wir beide haben ihre Grenzen überschritten. Und jetzt… jetzt weiß ich nicht einmal, ob sie überhaupt zurückkommt.“
Zum ersten Mal seit Tagen klang in seiner Stimme kein Selbstmitleid mehr. Da war etwas anderes. Eine bittere, kalte Erkenntnis, die wehtat und trotzdem notwendig war. Er begriff, dass er feige gewesen war. Dass er seine Frau im Stich gelassen hatte, nur um seiner Mutter eine Kränkung zu ersparen. Dass sein ewiges Ausweichen vor jedem Streit genau zu dem schlimmsten Streit geführt hatte, den er sich vorstellen konnte: zum möglichen Ende seiner Ehe.
Drei Tage lang nahm Emilia keinen seiner Anrufe an.
Lukas schlief kaum. Er lag wach, starrte an die Decke und malte sich aus, was alles passieren könnte. Dass sie nicht mehr zurückkäme. Dass sie längst innerlich abgeschlossen hatte. Dass seine Angst, jemanden zu verletzen, am Ende die Frau verletzt hatte, die ihm am nächsten stand.
Johanna fuhr am nächsten Tag wieder nach Hause. Beleidigt, gekränkt und völlig überzeugt davon, nicht zu verstehen, was sie denn so Schlimmes getan haben sollte.
Lukas blieb allein in der Wohnung zurück. Die Möbel standen noch immer dort, wo seine Mutter sie hingeschoben hatte. Nichts wirkte vertraut. Nicht einmal die Stille. Er saß zwischen all dem Verrückten und Verschobenen und dachte nur an eine einzige Frage: Was war ihm wichtiger — die Zustimmung seiner Mutter oder ein Leben mit der Frau, die er liebte?
Am Sonntagabend klingelte es.
Lukas sprang auf, als hätte er den ganzen Tag nur auf dieses Geräusch gewartet, und riss beinahe die Tür auf. Draußen stand Emilia. Sie sah müde aus, blass, mit Schatten unter den Augen. Aber ihr Blick war ruhig. Fest. Unnachgiebig.
„Darf ich reinkommen?“
„Natürlich“, sagte er und atmete aus, als hätte er seit Tagen die Luft angehalten.
Emilia trat ein und sah sich im Wohnzimmer um. Dann wanderte ihr Blick zur Küche. Der Schrank stand noch immer dort, wo Johanna ihn hingestellt hatte.
„Deine Mutter ist weg?“
„Ja. Am selben Tag, an dem du gegangen bist.“
Emilia nickte langsam. Dann sah sie ihn direkt an.
„Lukas, ich bin nicht zurückgekommen, weil plötzlich alles vergeben ist. Das ist es nicht. Ich bin hier, weil ich versuchen will, ob wir das noch retten können. Aber nur unter Bedingungen.“
Er nickte sofort.
„Sag sie.“
„Erstens: Du lädst nie wieder jemanden ein, bei uns zu wohnen, ohne vorher meine Zustimmung zu haben. Nicht deine Mutter, nicht deinen Bruder, nicht irgendeinen Cousin dritten Grades. Solche Entscheidungen treffen wir gemeinsam. Oder gar nicht.“