So blieb sie sitzen, vielleicht eine Stunde, vielleicht länger. In ihr stritten zwei Stimmen miteinander. Die eine Sabine schrie: Er hat dich betrogen, er hat dir ein Leben lang etwas vorgemacht, und jetzt überschreibt er zuletzt noch einer Fremden die Wohnung. Die andere Stimme war leiser und fragte: Und wenn es deine Tochter wäre? Wenn man dich dreißig Jahre lang aus dem Leben deines Vaters gestrichen hätte und du erst ein halbes Jahr vor seinem Tod vor seinem Bett stehen würdest?
Am nächsten Morgen rief Sabine Johanna an und erzählte ihr von dem Brief. Am anderen Ende der Leitung blieb es für einige Sekunden still. Dann klang Johanna wieder nüchtern und praktisch.
„Gut. Gefühle sind das eine, aber die Unterlagen müssen wir trotzdem prüfen. Wir besorgen einen aktuellen Grundbuchauszug.“
„Einen was?“
„Einen Auszug aus dem Grundbuch. Dort ist eingetragen, wem ein Grundstück oder eine Wohnung rechtlich gehört. Jede Wohnung, jedes Haus, jedes Stück Land. Wenn man wissen will, wer im Moment Eigentümer ist, schaut man dort hinein. Schwarz auf weiß, ohne Gerüchte. Dann sehen wir, ob die Schenkung schon vollständig eingetragen wurde oder nicht. Solange der Eigentümerwechsel nicht im Grundbuch steht, ist die Sache noch nicht endgültig durch.“
Sie beantragten den Auszug noch am selben Tag online. Er kam allerdings erst ein paar Tage später.
Johanna breitete den Ausdruck auf dem Küchentisch aus und schob sich die Brille auf die Nase.
„Da haben wir es“, sagte sie und tippte mit dem Finger auf die Zeile. „Die Wohnung läuft jetzt auf zwei Personen. Die eine Hälfte gilt weiterhin als deine, weil sie in der Ehe erworben wurde. Daran hat niemand gerührt. Aber die andere Hälfte, also Thomas’ Anteil…“ Sie fuhr langsam über den Eintrag. „Ja. Sie waren schnell genug. Die Schenkung ist eingetragen. Beschenkte Person: Charlotte. Damit ist es amtlich, Sabine. Seine Hälfte gehört nun ihr. Im Grundbuch steht es so.“
Sabine starrte auf die gedruckten Zeilen, doch der Schrecken, der sie in der ersten Nacht gepackt hatte, kam nicht zurück. Das wunderte sie selbst. Es war, als hätte der Brief in ihrem Inneren etwas verschoben, als wären die Dinge nicht mehr dort, wo sie noch vor wenigen Tagen gewesen waren.
„Und anfechten könnte man es trotzdem noch?“, fragte sie.
„Ja“, erwiderte Johanna und nahm die Brille ab. „Das Gesetz gibt dafür eine Frist. Nicht endlos, aber ein bisschen Zeit bleibt dir noch. Es muss nicht heute entschieden werden. Nur, Sabine, ab jetzt ist das eigentlich nicht mehr meine Frage, sondern deine. Wenn du willst, setzen wir alles in Gang und gehen vor Gericht. Wenn du nicht willst, legst du diesen Auszug in eine Schublade und lebst weiter.“
Sabine faltete das Blatt zweimal zusammen, bis es klein genug war, und legte es in dieselbe Blechdose wie den Vertrag und den Brief.
„Er soll erst einmal dort bleiben“, sagte sie. „Ich muss darüber nachdenken.“
Am nächsten Morgen fuhr Sabine ins Krankenhaus. Den Brief trug sie in ihrer Tasche, als wäre er schwerer als Papier. Thomas war an diesem Tag bei klarem Verstand. Einer dieser seltenen hellen Vormittage, an denen sein Blick nicht wegdriftete. Charlotte war noch nicht da.