„Was hat sie gesagt?“
Andreas atmete schwer aus.
„Dass du aus ein paar Sachen Geld machen wolltest.“
Ich spürte, wie sich mein Rücken versteifte.
Sandra sprang sofort auf.
„Ich wollte kein Geld machen!“
„Was dann?“, fragte Moritz.
„Helfen.“
„Wem?“
„Sophie.“
Sophies Mann Paul hatte im Jahr zuvor einen großen Bauauftrag verloren. Wir wussten, dass sie knapper lebten als früher, aber sie hatten uns nie um Geld gebeten.
Sandra jedoch hatte sich offenbar seit Monaten eingebildet, sie müsse „helfen“.
Nur tat sie das, indem sie Dinge verteilte, die ihr nicht gehörten.
„Was hast du verkauft?“, fragte ich.
„Nichts.“
Andreas senkte den Kopf.
„Sandra.“
„Gut!“, fuhr sie auf. „Eine Uhr.“
Moritz sah zu mir hinüber.
Ich verstand einen Augenblick lang nicht.
Dann doch.
Die Uhr meines Großvaters.
Eine alte Omega.
Ich trug sie nie.
Sie lag in einer kleinen braunen Schatulle in der untersten Schublade der Kommode im Schlafzimmer.
Nicht wegen ihres Geldwertes.
Sondern weil sie meinem Großvater gehört hatte.
Nach dem Tod meines Vaters hatte er mich zum Teil großgezogen.
Kurz vor meiner Hochzeit hatte er mir die Uhr gegeben und gesagt:
„Verkauf sie niemals. Nicht, weil sie so viel wert ist. Sondern weil sie dich eines Tages daran erinnern wird, woher du kommst.“
Zwei Jahre später war er gestorben.
„Wo ist die Uhr?“, fragte ich.
Sandra wandte den Kopf ab.
„Bei einem Händler.“
„Du hast sie verkauft?“
„Ich habe sie verpfändet.“
„Für wie viel?“
„Greta …“
„Für wie viel?“
„Für knapp neunhundert Euro.“
Ich brachte kein Wort heraus.
Moritz stand abrupt auf.
„Sag mal, bist du noch bei Verstand?“
Auch Sandra sprang auf.
„Sprich nicht in diesem Ton mit mir!“
„Du hast meiner Frau eine Uhr gestohlen!“
„Ich habe sie nicht gestohlen!“
„Was war es dann?“
„Ich wollte sie zurückholen!“
„Wann?“
„Wenn sich alles geregelt hätte.“
„Was genau hätte sich regeln sollen?“
Sandra begann zu weinen.
Doch aus irgendeinem Grund ging diesmal niemand zu ihr hin.
Nicht einmal Andreas.
Nach und nach kam die ganze Geschichte ans Licht.
Sophie und Paul hatten nie um Geld gebeten.
Sandra hatte sich selbst eingeredet, sie bräuchten es dringend.
Pauls Firma steckte tatsächlich in Schwierigkeiten, aber sie hatten Rücklagen, und inzwischen bekam er wieder neue Aufträge.
Sandra dagegen hatte Sophie heimlich rund eintausenddreihundert Euro zugesteckt.
Nur stammte dieses Geld nicht aus ihren eigenen Ersparnissen.
Etwa fünfhundert Euro hatte sie von Andreas’ Konto abgehoben.
Den Rest hatte sie sich auf andere Weise beschafft.
Indem sie bei anderen einsammelte, was sie für „entbehrlich“ hielt.
Bei uns.
Bei Sophie.
Sogar bei Tante Sabine.
Moritz starrte sie an, als hätte er sie zum ersten Mal wirklich gesehen.
„Du hast also Sachen aus fremden Wohnungen mitgenommen?“
Sandra schluchzte nur.
„Alle besitzen so viel. Überall liegt etwas herum. Ich wollte doch nur helfen.“
In diesem Moment kam Sophie dazu. Sie hatte offenbar genug gehört. Und dann sagte sie einen Satz, nach dem es im Raum vollkommen still wurde.
„Mama, ich habe dir die eintausenddreihundert Euro zwei Tage später zurücküberwiesen.“