Sie sah sich bereits nach Wohnungen um. Still, ohne Eile. Erst ein Viertel, dann ein anderes. Neubauten, Bestandswohnungen. Ein achter Stock mit Blick auf einen Park — das wäre schön gewesen.
Verdorben hatte alles das Handy.
Sie hatte es auf dem Tisch liegen lassen, nur für zehn Minuten, während sie im Bad war. In dieser Zeit kam eine Benachrichtigung von der Bank. Markus hatte nicht absichtlich geschnüffelt; das Telefon lag bloß mit dem Display nach oben da. Und die Summe war so auffällig, dass man sie beim besten Willen nicht übersehen konnte.
Am Abend sagte er kein Wort darüber. Er war ungewohnt still, gleichzeitig ein wenig fahrig. Johanna bemerkte es, fragte jedoch nicht nach. Sie fragte überhaupt selten. Das Leben hatte sie früh gelehrt: Wenn jemand etwas sagen will, dann sagt er es irgendwann von selbst.
Markus sagte es auch. Nur nicht ihr, sondern seiner Mutter.
Und seine Mutter erschien gleich am nächsten Morgen.
— Frau Beck, sagte Johanna ruhig, — würden Sie mir bitte erklären, wer dieser Herr ist?
— Das ist Georg Schubert, Notar. Ein ausgesprochen seriöser Fachmann, nebenbei bemerkt!
Georg Schubert presste die Lippen zusammen und tat so, als widme er sich eingehend dem Muster auf dem Küchentuch.
— Ein Notar, wiederholte Johanna.
Sie sagte es nicht fragend. Eher so, wie man ein fremdes Wort wiederholt, um es sich besser einzuprägen.
Sandra Beck hatte bereits eine Mappe aufgeschlagen, direkt auf dem Küchentisch, halb über Johannas Tasse hinweg, die diese daraufhin beiseiteschieben musste. Sandra tat das mit selbstverständlicher Leichtigkeit, so routiniert wie jemand, der sein Leben lang fremde Räume betreten und dort die Dinge nach eigenem Ermessen umgestellt hatte.
— Johanna, warum schaust du denn so? Markus und ich haben das alles schon durchdacht. Geld darf man doch nicht einfach auf dem Konto liegen lassen, bei der Inflation! Es gibt da ein hervorragendes Haus am Stadtrand, von Bekannten von mir, zu einem wirklich guten Preis. Wir lassen es auf Markus eintragen — er ist schließlich der Mann, das Familienoberhaupt, so gehört sich das. Du unterschreibst hier und hier, und damit ist die Sache erledigt!
Aus der Ecke nickte Markus wie eine Wackelfigur auf dem Armaturenbrett. Er freute sich. Wirklich. Mit diesem kindlichen, ein wenig einfältigen Ausdruck im Gesicht, den Johanna am Anfang für Aufrichtigkeit gehalten hatte, bis ihr klar geworden war, dass es eher etwas anderes war: die Gewohnheit, nicht selbst nachzudenken.
— Johanna, Mama hat doch recht, sagte er schließlich. — Das ist doch eine gute Gelegenheit. Ein Haus, ein eigenes Grundstück, frische Luft. Außerdem sind wir eine Familie. Was gibt es da aufzuteilen?
Johanna stellte die Tasse ab. Langsam. Sie setzte sie so gerade auf den Tisch, dass kein Klirren zu hören war.
In den Jahren als Wirtschaftsprüferin hatte sie eine entscheidende Fähigkeit erworben: nicht früher zu reagieren, als es nötig war. Wenn fremde Zahlen vor einem liegen und man herausfinden muss, wo der Fehler steckt, darf man sich nicht beeilen. Man schaut. Man rechnet. Und vor allem lässt man sich nicht anmerken, dass man den Fehler längst entdeckt hat.