Und genau da merkte Johanna, wie in ihr etwas endgültig an seinen Platz rückte. Es zerbrach nichts, es riss nichts. Es war eher, als würde eine lange gesuchte Zahl in einer Rechnung plötzlich stimmen.
Sie ging in den Flur, öffnete den schmalen Einbauschrank und zog zwei zusammengefaltete Kartons heraus. Einer stammte von der Kaffeemaschine, der andere von Winterstiefeln. Sie stellte beide neben die Wohnungstür.
— Was soll das sein? — fragte Markus aus der Küche.
— Kartons, — antwortete Johanna.
Er kam in den Flur, sah auf die Kartons, dann zu ihr, dann wieder auf die Kartons.
— Johanna, du…
— Markus, ich werfe dich nicht in dieser Minute aus der Wohnung, — sagte sie ohne Hast. — Aber ich möchte, dass du begreifst: Das, was heute passiert ist, war kein gewöhnlicher Streit. Das ist nichts, worüber man sagt: Wir haben uns eben aufgeregt und vertragen uns wieder. Du hast mein Handy genommen, meine Benachrichtigungen gelesen und noch am selben Abend alles deiner Mutter erzählt. Ohne mich zu fragen. Ohne mit mir zu sprechen. Deiner Mutter.
— Aber wir sind doch…
— Eng miteinander, ohne Geheimnisse, ich weiß, — fiel sie ihm ins Wort. — Nur bin ich nicht deine Mutter. Ich bin deine Frau. Zwischen uns hätte etwas anderes stehen müssen. Etwas, das du in drei Jahren offenbar nie wirklich verstanden hast.
Markus sah sie an, als spräche sie in einer fremden Sprache. Die Wörter kannte er, doch der Sinn wollte sich ihm nicht zusammensetzen.
Von draußen ertönte erneut die Hupe. Diesmal zweimal hintereinander.
Etwas in seinem Gesicht bewegte sich. Und Johanna sah, wie er seine Entscheidung traf. Nicht mit dem Verstand, nicht nach Abwägung. Tiefer. Dort, wo alte Gewohnheiten wohnen und kindliche Ängste nie ganz verschwinden. Er griff nach seiner Jacke.
— Ich fahre zu Mama, — sagte er. — Ich bleibe ein paar Tage bei ihr. Bis sich alles beruhigt hat.
— In Ordnung, — sagte Johanna.
Er zog seine Turnschuhe an. Nahm den Schlüssel vom Haken. An der Tür blieb er noch einmal stehen und drehte sich um. Vielleicht wartete er darauf, dass sie ihn zurückhielt. Dass sie etwas sagte. Dass sie nachgab. Doch Johanna stand aufrecht da und sah ihn an — nicht kalt, nicht grausam, einfach nur aufmerksam.
— Bis dann, — sagte er.
— Bis dann, Markus.
Die Tür fiel ins Schloss.
Johanna blieb noch einen Augenblick stehen, als müsse die Stille erst wieder ihren Platz in der Wohnung finden. Dann ging sie in die Küche zurück. Aus dem kleinen Kännchen goss sie sich den Rest Kaffee in die Tasse. Er war inzwischen fast kalt geworden, doch das störte sie nicht. Sie setzte sich, umfasste die Tasse mit beiden Händen und sah hinaus.
Der Oktobermorgen kam langsam in Gang. Ein matter Himmel hing über den Dächern, die Linden vor dem Haus leuchteten gelb, und auf dem Sims des Nachbargebäudes hockten ein paar Tauben, aufgeplustert gegen die feuchte Kühle.
Johanna dachte an Finn.
Ihr Sohn war bei ihrem Vater im Wochenendhaus. Sie hatten verabredet, dass sie ihn am Sonntagabend abholen würde. Wahrscheinlich stapfte Finn in diesem Moment in Gummistiefeln über den Gartenweg und sammelte Eicheln. Das tat er immer. Mit größtem Ernst suchte er die schönsten heraus, steckte sie sorgfältig in seine Taschen und brachte sie später nach Hause, als seien es kostbare Funde aus einer fremden Welt.