Aber bald.
Das Geld würde wieder an seinen Platz kommen. Ihr Vater würde alles sauber regeln, so wie er es immer tat. Und wenn sich der Staub gelegt hatte, wenn niemand mehr schrie, drängte oder verlangte, würde Johanna in aller Ruhe das tun, was sie von Anfang an vorgehabt hatte.
Sie würde eine Wohnung kaufen. Eine eigene. Einen Ort, an dem Geranien auf dem Fensterbrett nicht lächerlich wirkten — weder für alte Damen noch für irgendwen sonst.
Als sie nach Hause ging, trieb der Oktoberwind kupferrote Blätter über den Gehweg. In ihrer Manteltasche lag das neue Notizbuch, still und unbeschrieben. Vor ihr lag der Sonntag. Finn würde mit Taschen voller Eicheln zurückkommen. Es würde Tee geben, eine ruhige Wohnung, vielleicht ein wenig Durcheinander im Flur — und all die kleinen Dinge, die kein Notar der Welt beurkunden, streichen oder wegnehmen konnte.
Drei Monate vergingen.
Der Dezember hatte sich gleichmäßig und leise über die Stadt gelegt, ohne Hast, ohne überflüssigen Lärm. Johanna saß in ihrer neuen Wohnung im achten Stock und trank Tee. Draußen wurde es früh dunkel, doch sie zog die Vorhänge nicht zu. Sie mochte es, zu beobachten, wie im Haus gegenüber nach und nach die Fenster aufleuchteten und die Stadt langsam von Grau in warmes Gold überging.
Eingezogen war sie im November. Ohne Szene, ohne Gerichtsdrama, ohne laute Abschiede. Sie hatte ihre Sachen gepackt, Finn an die Hand genommen und war gegangen. Markus hatte anfangs häufig angerufen, dann seltener, schließlich nur noch hin und wieder. Er sprach davon, dass man „noch einmal nachdenken“ müsse, dass er „viel verstanden“ habe, dass vielleicht „nicht alles verloren“ sei.
Johanna hörte zu. Sie antwortete knapp, aber nicht scharf. Wut war da kaum noch. Nicht einmal Bitterkeit. Nur eine müde, klare Gewissheit, dass dieses Gespräch längst geführt worden war. Mehr als einmal. In verschiedenen Worten, in verschiedenen Räumen, mit demselben Ende.
Die Scheidung wurde still geregelt. Ohne große Reden.
Sandra Beck versuchte einmal, sie anzurufen. Das war im Oktober gewesen, eine Woche nach jenem Samstag. Johanna sah die Nummer auf dem Display, wartete, bis das Klingeln verstummte, und sperrte den Kontakt. Ohne Nachricht. Ohne Erklärung. Manche Dinge verlieren nicht dadurch an Bedeutung, dass man sie nicht kommentiert.
Finn gewöhnte sich erstaunlich schnell an die neue Wohnung. Schon am dritten Tag brachte er vom Spaziergang drei Eicheln mit und legte sie feierlich auf das Fensterbrett — direkt neben die Geranie. Johanna stand daneben, sah auf diese kleine Anordnung und dachte: Genau das ist ein Zuhause.
Nicht die Quadratmeterzahl. Nicht das Stockwerk. Nicht der Kaufvertrag.
Sondern Eicheln neben einer Geranie und ein Kind, das sich sicher genug fühlt, seine Schätze dort abzulegen.
Das Treuhandkonto hatte ihr Vater, wie versprochen, gleich am ersten Montag eingerichtet. Alles war ordentlich, eindeutig, rechtlich sauber. Finns Geld lag nun dort, wo es hingehörte — außer Reichweite fremder Hände und fremder Vorstellungen davon, wie ein Leben zu verlaufen habe.
In ihrer neuen Stelle betreute Johanna inzwischen drei große Projekte. Sie war oft erschöpft, ja. Aber es war eine andere Müdigkeit. Nicht diese graue, klebrige Schwere, mit der man abends nach Hause kommt und nicht einmal mehr sprechen oder denken möchte. Es war eine normale Erschöpfung. Eine, die zu Arbeit gehörte. Zu Verantwortung. Zum Leben.
Abends, wenn Finn eingeschlafen war, setzte sie sich mit einer Tasse Tee ans Fenster. Neben ihr lag das karierte Notizbuch. Manchmal schrieb sie etwas hinein: Zahlen, Pläne, kurze Gedanken, Listen für die nächste Woche. Manchmal blieb die Seite leer, und sie sah einfach nur auf die Lichter der Stadt.
Eines Abends bemerkte sie, dass sie lächelte. Ohne Anlass. Einfach so.
Draußen fiel Schnee. Im Nebenzimmer schlief Finn. Auf dem Fensterbrett blühte die Geranie zart rosa, und in der Wohnung war es still.
Gut still.
Ihr still.