„Ich bin da, um zu helfen“, verkündete Sophia schon im Flur und ging an Lea vorbei, als wäre diese ein Möbelstück.
Lukas kam seiner Mutter entgegen, strahlte auf, nahm ihr die Tasche ab.
„Mama, warum schleppst du denn extra den Mopp mit?“
„Weil man das Ding bei euch kaum so nennen kann“, schnitt Sophia ihm das Wort ab und marschierte direkt in die Küche.
Lea stand im Wohnzimmer und sah sich die Szene an. Ruhig. Sie hatte sich vorgenommen, ruhig zu bleiben. Mehr noch: Sie hatte begriffen, dass Ruhe ihre stärkste Waffe war. Sobald sie nicht reagierte, wurden die anderen unsicher. Sie brauchten ihren Widerspruch, ihr Erröten, ihre Tränen. Ohne all das wirkten sie wie Schauspieler auf einer Bühne, vor der kein Publikum saß.
Sophias Hilfe bestand im Wesentlichen darin, durch die Wohnung zu gehen und alles laut zu kommentieren. Die Vorhänge hingen falsch. Die Teller standen unpraktisch. Im Kühlschrank sei ja „gähnende Leere“. Den mitgebrachten Mopp nahm sie genau einmal in die Hand, schob ihn drei Minuten lang über den Flur und erklärte dann, sie sei erschöpft. Danach legte sie sich aufs Sofa und schaltete eine Serie ein.
„Lea, du könntest eigentlich mal saugen“, sagte sie aus der Waagerechten.
„Das wollte ich morgen machen.“
Sophia seufzte demonstrativ zur Decke hinauf.
„Na wunderbar. Lukas, hörst du, wie sie mit der Wohnung umgeht?“
Lukas saß neben seiner Mutter und sah dieselbe Serie.
„Mama, es ist doch alles in Ordnung.“
„In Ordnung!“ Sophia stützte sich auf einen Ellenbogen. „Mein Junge, du bemerkst so etwas nur nicht mehr, weil du dich daran gewöhnt hast. Männer sehen Staub nie. Ich jedenfalls könnte in so etwas nicht sitzen.“
Lea trat auf den Balkon hinaus. Eine Weile blieb sie dort stehen und blickte über die Dächer. In der Ferne fuhr eine Straßenbahn vorbei; beim Abbiegen klingelte sie hell. Der Himmel war blass und heiß, ein wolkenloser Julihimmel, glatt wie ein frisch gebügeltes Laken.
Noch ein bisschen, sagte Lea sich. Nur noch ein kleines bisschen.
Markus Krause kam am Sonntagabend. Leise, ohne vorher anzurufen, wie immer. Er brachte eine Wassermelone mit und setzte sich an den Tisch.
Markus schnitt die Melone eigenhändig auf, mit ruhigen, präzisen Bewegungen, in saubere Spalten. Dann aß er langsam, fast bedächtig, und sah Lea dabei mit jenem Lächeln an, bei dem ihr inzwischen jedes Mal kalt im Magen wurde.
„Und? Habt ihr euch schon eingelebt?“, fragte er.
„Ja“, antwortete Lea. „Alles gut.“
„Wollt ihr nicht vielleicht renovieren?“ Sein Blick wanderte prüfend durch die Küche. „Die Wand hier könnte man rausnehmen. Dann hättet ihr einen richtig schönen offenen Raum. Ich kenne da ein Team, ich könnte das organisieren.“
„Im Moment haben wir nichts dergleichen vor.“
Er nickte nur. Nicht gekränkt, nicht drängend. Als hätte er die Antwort lediglich registriert und in einem inneren Notizbuch abgelegt. Markus Krause übte nie offen Druck aus. Er machte Vorschläge. Ruhig, väterlich, scheinbar fürsorglich. Doch jeder dieser Vorschläge wirkte auf Lea wie ein weiterer kleiner Stein in einem Bauwerk, das er geduldig errichtete, ohne je zu sagen, wie der fertige Plan aussehen sollte.