Sie stand auf und ging zum Fenster. Feine Tropfen trommelten gegen die Scheibe. In der dunklen Spiegelung sah sie ihr eigenes erschöpftes Gesicht, die hastig zusammengebundenen Haare und Augen, in denen seit Jahren nur noch das Wort „müssen“ brannte.

— Weißt du, früher habe ich mich auf solche Treffen wirklich gefreut — sagte sie leise. — Ich wollte es allen recht machen, wollte zeigen, dass ich eine gute Gastgeberin bin. Irgendwann habe ich begriffen, dass ihr es gar nicht bemerkt. Für euch ist alles einfach da: das Essen, die Stimmung, die saubere Wohnung. Niemand fragt: „Anna, kann ich dir etwas abnehmen?“

Paul kratzte sich am Hinterkopf. Sein Blick wanderte zum Boden.

— Ich weiß auch nicht… Es hat sich eben so eingespielt. Bisher war doch immer alles in Ordnung.

— Genau das ist es ja! — Anna fuhr zu ihm herum. — Für euch ist immer alles in Ordnung! Und ich bin wie ein Möbelstück: Ich schweige und funktioniere.

Sie schleuderte den Lappen auf den Tisch und wischte mit einer fahrigen Bewegung die Krümel zusammen.

— Schluss damit, Paul. Diesmal gibt es keine Feier bei uns. Sag deiner Mutter, sie soll sich für ihr Gelage ein anderes Zuhause suchen.

— Anna, wie stellst du dir das eigentlich vor? — fuhr Paul auf.

— Meine Mutter wird sechzig, Anna. Das ist ein runder Geburtstag! Alle rechnen damit, dass es so läuft wie jedes Jahr.

— Und ich rechne damit, dass ihr mich endlich hört! — Ihre Stimme brach, doch Anna zwang sich nicht mehr zur Ruhe. — Ich habe keinen Vertrag unterschrieben, in dem steht, dass ich es jedem recht machen muss. Ich will auch leben, verstehst du?

Paul stieß schwer die Luft aus.

— Anna, mach daraus kein Theater. Du hast nur wieder diese Herbstlaune. Das geht vorbei.

— Herbstlaune? — Ein bitteres Lächeln verzog ihren Mund. — Diese „Herbstlaune“ dauert inzwischen drei Jahre.

Sie riss das Geschirrtuch an sich, trocknete die Hände ab und ging ins Wohnzimmer.

Auf dem Sofa lagen ordentlich zusammengelegte Kleidungsstücke. Daneben die Fernbedienung und Pauls halb ausgetrunkene Teetasse. Alles war wie immer. Nur in ihr selbst hatte etwas geklickt. Leise, aber endgültig.

In den nächsten Tagen legte sich ein angespanntes Schweigen über die Wohnung. Paul ging früh aus dem Haus und kam spät zurück. Anna machte keine Szene. Sie schwieg nur, erledigte ihre Aufgaben und bewegte sich durch die Räume, als hätte jemand in ihr den Autopiloten eingeschaltet.

Dann, eines Abends, summte die Gegensprechanlage.

— Wer ist da? — fragte sie in den Hörer.

— Ich bin’s, Stefanie Petrovna, — ertönte die vertraute, bestimmte Stimme.

Anna atmete tief ein und drückte den Türöffner. Ihre Schwiegermutter betrat die Wohnung, als käme sie in ihr eigenes Zuhause zurück: im Mantel, mit Mütze, eine Einkaufstasche in der Hand.

— Na, hast du es dir anders überlegt? — begann sie schon im Flur. — Morgen ist die Jubiläumsfeier, die Gäste kommen, die Salate habe ich bereits bestellt, die Torten sind gekauft. Nur das Hauptgericht fehlt noch. Das ist schließlich dein Gebiet!

— Es wird hier nichts geben, — sagte Anna ruhig und blieb an der Tür stehen.