— Wie bitte, „nichts“? — Stefanie Petrovna fuhr empört auf. — Ich habe doch allen gesagt, dass wir uns hier treffen!

— Dann haben Sie etwas Falsches gesagt, — erwiderte Anna und verschränkte die Arme.

Die Schwiegermutter warf die Hände in die Höhe.

— Begreifst du überhaupt, wie das aussieht? Was sollen die Leute denken?

— Dass ich müde bin, — gab Anna sofort zurück. — Und dass ich nicht verpflichtet bin, eure Familienfeste auszurichten.

Die Stille wurde so dicht, als hätte die Luft aufgehört, sich zu bewegen. Paul trat aus dem Zimmer, gähnte noch, doch als er die Gesichter der beiden Frauen sah, spannte er sich augenblicklich an.

— Mama, Anna, fangt bitte nicht wieder an …

— Wer fängt denn hier an?! — explodierte seine Mutter. — Deine Frau! Undankbar ist sie! Mein Sohn hat sie aufgenommen, ihr ein Zuhause gegeben, und jetzt stellt sie auch noch Forderungen!

Anna blinzelte nicht einmal.

— Paul hat mich nicht „aufgenommen“. Wir leben zusammen. Auf Augenhöhe. Und diese Wohnung ist auch mein Zuhause.

Stefanie Petrovna kniff die Augen zusammen.

— Deins? Mach dich nicht lächerlich! Ohne meinen Sohn würdest du immer noch in diesem winzigen Mietloch sitzen!

— Lieber in einem Loch als in einem Streichelzoo, — schoss Anna zurück. — Wo sich ein Dutzend Verwandte in einer Küche drängt und trotzdem kein einziger Mensch auf die Idee kommt, Danke zu sagen.

Paul hob beschwichtigend die Hand.

— Jetzt reicht es, bitte!

— Fragen Sie doch Ihren Sohn, — wandte Anna sich an ihre Schwiegermutter. — Er soll es laut sagen: Bin ich seine Frau oder sein Personal?

Paul wurde rot und begann zu stammeln.

— Anna, warum musst du das so zuspitzen?

— Da hörst du es! — griff Stefanie Petrovna sofort auf. — „Zuspitzen“ nennt man es also, wenn jemand sich weigert, für eine Feier zu kochen!

Anna drehte sich zu ihr und sah ihr direkt in die Augen.

— Oder ist es vielleicht zugespitzt, wenn man jahrelang keinen Menschen in mir sieht, sondern nur darauf wartet, dass ich auftische, abräume und dabei auch noch lächle?

Wieder fiel Schweigen über die Wohnung. Eine Sekunde. Zwei. Drei.

Die Schwiegermutter atmete laut aus, zog ruckartig ihre Handschuhe zurecht und stürmte zur Tür.

— Gut. Dann macht doch, was ihr wollt. Aber dabei werde ich es nicht bewenden lassen.

Die Tür fiel hinter ihr so heftig ins Schloss, dass auf dem kleinen Regal im Flur ein zierliches Väschen umkippte und klirrend zu Boden fiel.

Paul presste sich die Finger an die Schläfen.

— Warum musst du alles so schwierig machen, Anna? Es geht doch nur um einen Feiertag!

— Nein, Paul, — erwiderte Anna, ohne ihn anzusehen. — Es ist kein Feiertag. Es ist ein eingespieltes Ritual. Und ich bin müde davon, in euren Ritualen diejenige zu sein, die funktioniert.

Seit diesem Ausbruch war eine Woche vergangen.

In der Wohnung lag eine schwere, klebrige Stille, als hätten all die unausgesprochenen Sätze die Luft verdickt. Paul bewegte sich vorsichtig durch die Zimmer, beinahe auf Zehenspitzen, als könne er gegen etwas Unsichtbares stoßen. Anna dagegen wirkte wie ausgebleicht. Sie tat, was nötig war, sprach kaum noch und kochte nur noch das Einfachste: Nudeln, Kartoffeln, dünne Suppe ohne Geschmack. Keine Salate, kein Braten, nichts, wofür man länger als nötig in der Küche stehen musste.